Sardinien in den 60er und 70 er Jahren
Autor: bo
Datum: 26.01.10 10:18

Liebe Antonietta,
Wir haben den Karren immer wieder heil zurückbekommen. Eins ist bis heute gleich geblieben:

Die Schwierigkeiten beim Vergessen der Deck- u. Kabinennummer. Verlangt endloses Suchen in langen Gängen, schon gar in den neuen schwimmenden Palästen. LG Ju
 
Autor: monalisa
Datum: 05.05.10 15:18

also an was man sich so erinnert, beim lesen, das allermeiste hat man selbst in ähnlicher weise erlebt und total vergessen. eine klitzekleinigkeit ist mir noch eingefallen:

mein mann und ich haben in den siebzigern die insel mit dem motorrad
umrundet. damals war es für motorradfahrer nicht einfach, ein zimmer
zu bekommen, man wurde als armer schlucker taxiert, der vermutlich nicht
seine zeche bezahlen kann.
folglich haben wir die nächte unter freiem himmel und ganz selten im kleinsten zelt verbracht.
eines nachts war von draußen lautes schnaufen zu hören, ich habe einen
leichten schlaf und mein mann war nur schwer zu wecken, also lugte ich
vorerst alleine hinaus und sah im dunkeln ganz nah zwei beine, inzwischen
schaute auch mein mann hinaus und aufeinmal waren es sogar vier beine.
mein herz schlug bis zum hals, bis mein mann in lautes gelächter ausbrach
und mir bedeutete, das sind eselsbeine. und tatsächlich da stand der
esel vor dem zelt und bediente sich an der in den bäumen aufgehängten
provianttüte.

monalisa
 
Autor: monalisa
Datum: 15.05.10 18:40

Der Hans schafft des immer wieder, dass ich meine grauen Zellen in
Schwingungen versetze und mir wieder eine Kleinigkeit einfällt.

1972 wars, da fuhr mir auf der Strasse von St.Teresa nach Capo Testa
eine Römerin aus einer Nebenstrasse kommend, in mein linkes Seitenteil
Es sah sehr schlimm aus. Meine Kontrahentin kam sofort mit einem Unfall-Aufnahme-Bogen an, wahrschein passierte ihr öfters so ein Missgeschick.
Sie füllte fleißig aus und wollten von mir eine Unterschrift. Ich verweigerte
sie, weil ich nicht lesen konnte, was da geschrieben stand und bestand
darauf, dass die Polizei kommen müßte.
Es wurde telefoniert und lamentiert und dann erklärte man mir, dass
es inzwischen leider Mittag geworden ist und die Polizisten zum Essen
gegangen sind. Die Arbeiter eine Baustellene nebenan, hatten sich
auch verkrümelt, so hatte ich nicht einmal mehr Zeugen.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als mir die Adresse und Versicherung
geben zu lassen - und stellt Euch vor, nach einem Jahr bekam ich meinen
Schaden ersetzt.
Ich hatte nicht mehr daran geglaubt.

monalisa
 
Autor: bo-ju
Datum: 15.05.10 20:58

Doch, Hans,

Es ginge schon noch so einiges. Ich möchte nur niemandem Angst einjagen. Sardinien hat uns nie etwas ganz Schlimmes angetan, aber manchmal war es schon eng. Da fällt mir grade noch was "Harmloses" ein.

Oberhalb Gonnesas ist ein altes Minengebäude mit einem großen freien Platz davor. Wir waren den ganzen Tag in den Bergen rumgestreift, rechtschaffen müde u. beschlossen, einfach auf diesem Platz zu übernachten. Wohlgemerkt: das Wort "Wildcampverbot" war noch nicht erfunden. Da sich der Himmel zugezogen hatte, es sehr schwül war u. ein Unwetter nicht auszuschließen war, suchten wir uns die höchste Stelle dieses Platzes zum Schlafen, von wo das Wasser in jedem Fall nach allen Seiten ablaufen konnte. Und gingen schlafen. Um 11 Uhr kamen ein paar Hirten vorbei, fragten, ob wir ein Problem hätten, wünschten uns eine gute Nacht und fuhren runter ins Dorf. Wir pennten bis 2 Uhr. Dann brach die Hölle los. Sardisches Unwetter. Wers schon erlebt hat, weiß, was ich meine. Ich saß aufrecht im Bett u. hoffte (oder betete), daß die Hagelkörner die Frontscheibe nicht zertrümmerten. Kommentar aus dem Nebenbett: reg dich ab, das ist doch Sekuritglas. Na gut, wenn er meinte.....

Das Unwetter zog ab, wir schliefen lange in den frischen Morgen hinein. Noch von innen sah ich, daß der Fiat 238, den wir damals noch fuhren, eben KEIN Sekuritglas hatte und nach dem Aussteigen bemerkte ich den Schlamm, der sich über VIER fÜNFTEL der Räder entlangzog. Und das an der höchsten Stelle des Platzes. Bei der Überlegung, wie viel Wasser wirklich in der Nacht über den Platz gerauscht war, wurde mir ein bißchen schlecht. Es hätte nicht viel gefehlt, wir wären weggeschwommen. Aber es war ja alles gut ausgegangen. Wirklich schwierig war nur der Weg runter nach Gonnesa. Der bestand nur noch aus tiefen Rinnen.

Wie gesagt: nie was wirklich Schlimmes, nur manchmal "fast". Ju
 
Autor: P1
Datum: 15.05.10 21:13

Hallo ihr Süßen, ich wollte ja nichts schreiben, bin ja schließlich in Urlaub.
Mein Schatz hat sich heute ins Nett begeben um etwas mit Freunden abzusprechen und da wollte ich nur heimlich lesen...... ich kann einfach die Finger nicht still halten, sind schöne Geschichten, vor allen Dingen hinterher, gell.

Wir haben hier in der Auvergne Mittags 8° aber der Käse ist super.

Grüße vom Hans
 
Autor: frei
Datum: 15.05.10 21:18

Ja, ja, nuuuur lesen!

Forumssucht? Aber Entzugserscheinungen nach 2 Tagen weisen auf einen schweren Fall hin....

LG
Heidrun
 
Autor: monalisa
Datum: 23.05.10 12:08

hallo freunde der alten zeiten! noch eins!


Auch in den frühen siebzigern - mein mann immer auf der suche nach
rostigem eisen, hatte eine moto guzzi an einer stallwand entdeckt.
in einem fürchterlichem zustand, aber noch alles dran, scheunenfund
sagt man in oldtimerkreisen.
wir beide, der sardischen mundart in keiner weise auch nur annähernd
mächtig, verhandelten mit der nonna über den preis.
nach zähem hin und her wurden 10 flaschen rotwein ausgehandelt.

beim abholen stellte sich jedoch heraus, dass er 10 flaschen von ihr
bekam, weil er das alte ding mitnnahm!

unsere freunde verspotten ihn, ob des alteisens aber er wettete
mit ihnen nochmal um 10 flaschen, dass er sie innerhalb von 2 tagen
zum laufen bringt - und siehe da - sie lief


monalisa
 
Autor: Feuerpferd
Datum: 26.05.10 15:56

Monalisa, das sind dann also 10 Flaschen von der Nonna, plus 10 Flaschen, die ihr ja eigentlich zum "Bezahlen" besorgt hattet, plus 10 Flaschen von den Freunden. Das hört sich nach einem feuchtfröhlichen Urlaub an.

Grüße aus dem Ruhrgebiet,
Michaela

Nachricht bearbeitet (26.05.10 23:13
 
Autor: monalisa
Datum: 26.05.10 19:01

ja michaela


es waren 20 liter, die wir getrunken haben - aber wir sind
auch immer viele leute, sodaß es keine echten ausfälle gab.

und lustig wars, das kannst du glauben.

liebe grüße - monalisa



Nachricht bearbeitet (09.10.10 20:34)
 
Autor: tromp_Rachel
Datum: 27.05.10 16:19

hallöchen

mier ist noch was eingefallen was in diese zeit gehört (meine eltern haben mir das erzählt).

mein vater ist als junger bursche in die schweiz ausgewandert.... als er meine mutter kennenlernte, wollten sie dann heiraten (meine mutter war schwanger :-D). das war 1966.
mein vater als sarde natürlich katholisch und meine mutter ist reformiert. da meine grosseltern (mütterlicherseits) anfangs nicht sehr begeistert waren von dem "inselbewohner" sagte mein vater, dass sie dafür protestantisch heiraten werden.
dafür wurde er in sardinien damals ex-kommuniziert?!? (hoffe schreibe das richtig)... er wurde im dorf am "schwarzen" aushängeschild der kirche richtig "angeprangert"

naja..... der pfarrer hat es dann zurückgenommen, als mein vater hoch und heilig versprochen hat, dass die kinder katholisch getauft werden.

somit sind meine schwester und ich die einzigen in der "schweizer-familie" welche katholisch sind :-D

vielleicht nicht so interessant für euch, ich finde es noch speziell wie man das damals gehandhabt hat :-D
 
Autor: Mario
Datum: 27.05.10 20:07

Hallole!!!

Da hab ich auch noch was!!

Mein Vater, 1937 geboren und aufgewachsen in Bosa, musste meinen Opa bzw Nonno in dritter Person anreden.
Zum Beispiel: Lasst Ihr mich ins Kino gehen?, oder wie hat es Euch geschmeckt?? Es wurde alles immer mit grossem Respekt vor den seinem Älteren Gegenüber gesagt bzw gehandelt.

Man muss sich das mal vorstellen, heutzutage benutzen 4-jährige schon das Wort das mit A anfängt und mit rschloch aufhört!!!!

In diesem Sinne, viele Grüssle aus dem Schwabenland, Mario!!!
 
Autor: sutor
Datum: 28.05.10 10:22

@Mario: "Lei" und "Voi" ist eine sehr alte italienische Höflichkeitsformel, die man im Süden auch heute noch oft antrifft. In Neapel und weiter südlich ist etwa die Frage " come state, mamma", also " wie geht es Euch, Mutter" auch heute nicht ungewöhnlich. Während der Zeit des Faschismus wurde der Versuch unternommen, diese Anredenin der dritten Person in ganz Italien durchzusetzen, z. B. mit Hilfe von Lesebüchern der Grundschule - ohne Erfolg.
 
Autor: bo-ju
Datum: 28.05.10 15:38

@ Sutor,

Erst beim Lesen deines Beitrags ist mir aufgefallen, daß ich diese alte Höflichkeitsform beim Reden mit Gleichaltrigen ganz automatisch noch verwende. (Eigenes Baujahr 32).Nur 5 Jahre jünger als Marios Vater.

@ Mario,

Was kamen wir uns als Kinder schon verrucht vor, wenn wir beim Absingen von "alle Vögel sind schon da" statt des Stars die Meise sangen um damit zu zeigen, daß wir das böse Wort auch kannten.

LG Ju
 
Autor: tromp_Rachel
Datum: 28.05.10 21:48

@Mario: das habe ich gar nicht gewusst mit der "SIE"-Form... aber tatsächlich.... ich habe heute meinen vater gefragt (jg. 1944) auch bei ihm war es so, dass er nonna und nonno sowie alle anderen wie tante onkel etc. in der höflichkeitsform angesprochen hat....
:-D
interessant..... ich muss mich unbedingt mal mit meinem vater zusammensetzen.... ich glaube da gibt es noch so einiges zu erfahren...... :-D
 
Autor: ellastern
Datum: 11.06.10 17:26

..... zum Thema "Anreden in der 3. Person".
Nicht nur in Sardinien, sondern auch in der Oberpfalz, in der Nähe der Grenze zu Tschechien, war diese Anrede gebräuchlich! Ich bin Jahrgang 54 und habe meine Oma noch mit "habts scho was gegessen?" und "wia giats eng denn (wie gehts euch denn)" angeredet. Ist uns Kinder mal das vertrauliche Du rausgerutscht, hat sie nicht reagiert! Auch mein Vater (JG 1925) hat seine Mutter nur so angesprochen.

Liebe Grüße aus dem heissen Südbayern

elisabeth
 
Autor: Sandokan
Datum: 15.06.10 00:39

Liebe Gemeinde,

ich bin der Enkel eines deutschen Sardinienreisenden, der aus den Erzählungen der Großeltern viel aus den Gründerjahren der Costa Smeralda zu erzählen hat. Nun - ihr werdet es nicht glauben, aber meine Großeltern wollten 1955 von Rom nach Sizilien mit der Fähre fahren und stiegen offensichtlich in die völlig falsche Fähre ein. Als ich meine Oma dazu befragte, wie Ihr das denn passieren könne, meinte sie lakonisch: "Da stiegen lauter kleine dunkelhaarige Passagiere aus von denen wir annahmen, es seien Sizilianer".

Am nächten morgen bemerkten sie den Irrtum und waren im Nu von den Menschen und der Insel verzaubert. Jedes jahr kerten sie fortan aus Deutschland nach Sardinien, bis sie eines Tages die Bucht von Arzachena entdeckten und dort während eines Sturmes Zuflucht suchten. Immer wieder kehrten Sie im Laufe der Jahre an diesen kleinen Strand zum Zelten zurück bis sie 1959 offensichtlich den Eigentümer fragten, ob er Ihnen nicht etwas Land verkaufen würde (so einen Hektar) und er Ihnen sagte, daß er nicht unter 12 Hektar verkaufen würde.

Da der Preis günstig schien, kaufte mein Großvater via italienischem Handschlag von dem alten Herrn Ragnedda das Grundstück. Da meine Großeltern beruflich sehr angespannt waren und Sardinien bis 1962 nicht mehr besichtigen konnten, kam Ihnen von der Gemeinde Arzachena eines Tages ein Telegramm an, man möge doch mitteilen, wie groß das Auto sei.

Voller Unverständnis schrieb der Großbater zurück, wozu man das wissen müsse, wie groß ihr Auto sei und bekam wieder via Telegramm als Antwort, daß man in Kürze mit der Fertigstellung des Hauses soweit sei und man für den Eingang der Garage die Maße wissen müsse. Es wird berichtet, daß der Großvater sehr vor Wut getobt hat und dachte, man habe ohne sein Einverständnis ein Haus gebaut und er das jetzt zusätzlich noch zahlen müsse.

Er muss wohl zu Beginn auch recht getobt haben, als er auf sein Grundstück kam, bis ihm der ehemalige Eigentümer sagte, daß er das Gründstück mitsamt des Hausbaus gekauft habe und er das offensichtlich nicht verstanden hat.

Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, fragte er den ehemaligen Eigentümer woher er denn wisse, wie er das Haus haben wolle und er entgegnete ihm: Herr Munck, können Sie sich an den Sommerabend 1959 erinnern, als sie anläßlich eines Fests auf einer Serviette zeichneten, wie sie sich ihr Haus vorstellen ? Die heute eingerahmte Serviette ist unser Bauplan und bis heute regeln wir alles mit den vielen Familien die wir hier seit vielen Jahrzehnten kennen per Handschlag.

Aus dem kleinen Haus am Meer ist nach 5 Jahrzehnten ein hübscher landwirtschaftlicher Betrieb geworden.



Nachricht bearbeitet (16.06.10 03:50)
 
Autor: P1
Datum: 15.06.10 08:54

Servus Sandokan,
eine schöne Geschichte.

Das jemand aus Versehen die Fähre nach Sardinien erwischt, klingt für viele unwahrscheinlich aber ich weiß von noch jemandem, dem genau jenes passiert ist, Margitt kennt ihn persönlich.
Aber wie ist das mit den Besitzverhältnissen, ist es wirklich ausreichend einen Grundbesitz per Handschlag zu besiegeln, was passiert wenn ein Erbe jenes Geschäft anzweifelt. Frage an unsere Freunde auf Sardinien, es gibt doch sicher auch so etwas wie ein Grundbuch. Mir wäre jedenfalls nicht wohl, wenn so ein Geschäft nicht irgendwo amtlich besiegelt würde.
Aber wie dem auch sei, ich habe Deinen Beitrag gerne gelesen.

Grüße Hans
 
Autor: bo-ju
Datum: 15.06.10 21:57

Hi Hans,

Das gab es damals wirklich, einen Handel per Handschlag abzuschließen (wie in Deutschland übrigens auch). Man hatte seine Ehre und die wurde nicht aufs Spiel gesetzt. Sandokans Opa hatte das große Glück an einen anständigen Menschen zu geraten. Daß die Grundbücher durch solche Aktionen heillos durcheinander gerieten, wundert niemanden wirklich. ERST ZÄHLTE DER MENSCH, Grund-u. andere Bücher waren weniger wichtig.

Heutzutage, da wir ganz anders denken und handeln, kommen die unmöglichsten Tatsachen ans Licht u. machen manchen sardischen Kauf so schwierig. Nicht nur die vielen möglichen Erben muß man bedenken (wurde hier schon mehrfach angesprochen), auch mancher Mensch vergrößerte sein Stück land still u. heimlich auf Kosten seines Nachbarn, der weit weg war, oder alt u. krank u. sich nicht mehr wehren mochte. Das war das Gewohnheitsrecht, hier auch schon angedeutet.

Und dann kauft ein junger moderner Mann das Grundstück des inzwischen Verstorbenen. Damit beginnt der Krieg. Alt gegen jung. Egal, daß das Grundbuch dem Jungen Recht gibt, der Alte besteht auf seinem Gewohnheitsrecht. Das schaukelt sich auf bis fast zu Tätlichkeiten. Und hier hör ich jetzt auf, die Geschichte ist zu frisch. Jedenfalls bin ich heilfroh, daß keine Schüsse gefallen sind.

Es ist schon so, wie Peter es in seinem RF 2008 geschrieben hat: Durch Sardinien zieht sich ein Riss. Die Jungen, die sich ganz selbverständlich an Katasterzeichnungen, Grundbücher u. Regeln halten, während die Alten mit ihrem Beharrungsvermögen einem vernünftigen Fortschritt im Wege stehen. Es macht so viel kaputt.

Ju
 
Autor: Sandokan
Datum: 16.06.10 03:35

Hallo Bo-Ju,

besonders von Euren Geschichten bin ich sehr angetan. Es wurde nachträglich alles ordentlich eingetragen und genehmigt. Mein Großvater erzählte, als er 1962 zur Gemeinde ging und dort alles rechtmäßig eintragen wollte und er als Antwort zu hören bekam, daß er so lange er nicht höher als den Petersdom in Rom bauen wolle, er bauen könne was er wolle. Offensichtlich hatten damals Katasterämter und Genehmigungen nur wenig Bedeutung.

Die Großeltern berichteten auch immer wieder, daß die Sarden meinten, man könne doch nicht am Meer bauen (es ist auch ein kleiner See in der Nähe), wegen der "mala aria", die mein Großvater als "schlechte Luft" mißverstand, wobei es sich tatsächlich um die "Malaria" handeln musste, die hier wohl bis nach dem 2. Weltkrieg vorhanden war.

Aus den beiden Herren, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, meinem Großvater und dem sardischen Schafhirten, der aufgrund einer Verbannung in einer Höhle zusammen mit den Schafen schlief, aber das ist auch wieder eine ganz andere Geschichte, entstand eine wunderbare Freundschaft die bis zum Tode meines Großvaters von größtem gegenseitigen Respekt geprägt war. Ich habe den Umgang der beiden untereinander immer sehr gemocht und geschätzt. Das war die Generation des Handschlags und noch heute wünschte ich mir, ich müsse mir nicht Verträge mit 100 von Seiten durchlesen und etwas mehr "Handschlag", "buonsenso" und Ehrlichkeit.

Eine gute Nacht aus Baja.
 
Autor: P1
Datum: 16.06.10 06:55

Ja Sandokan, für mich gilt auch das Wort, nur leider ist das im Streitfall immer so eine Sache, leider.
Danke Ju, es ist wirklich schwer für mich sich in diese jüngere sardische Vergangenheit reinzudenken und sicher sind nicht alle Geschichten so glimpflich ausgegangen wie bei Bajas Großvater.

Einen schönen Tag noch, Hans
 
Autor: Sandokan
Datum: 16.06.10 12:51

Hallo Hans,

Du hast natürlich völlig recht. Was ich mit der Anekdote ausdrücken wollte war (und ist) diese sardische Ehrlichkeit die ich kennenlernen durfte. Ich habe viele Jahre in Rom, in Mailand und in Bari gelebt, aber nirgendwo ist es wie hier.

Hier schließe ich mein Haus nie ab und der Autoschlüssel steckt immer, egal wo ich hingehe. Ich wundere mich immer sehr wenn Leute an ihren Häusern auf Sardinien Gitter, Alarm-Anlagen, Kameras und Bewegungsmelder anbringen und frage mich, ob man sich damit nicht sein eigenes Guantanamo schafft, ob die Menschen dann tatsächlich glauben sicherer zu sein, oder ob es einfach nur der Zeitgeist ist. Mir widerstrebt dieser Gedanke mich hinter meinen eigenen 4 Wänden einzukasernieren zutiefst (so lebte ich in Bari bereits).

Drum halte ich das nicht für "glimpflich", sondern eher den Sarden zuzuschreiben und je länger ich darüber ich nachdenke, fällt mir kein Ereignis ein, bei dem ich jemals von ihnen hintergangen worden wäre.
 
Autor: P1
Datum: 16.06.10 16:22

Servus Marco,
es ist sicher so wie Du sagst, bei den echten Einheimischen glaube ich das gerne.
Aber jetzt stell Dir mal vor, es erbt jemand, der nicht mehr so verwurzelt ist und nur auf bares aus ist, dann wird er das juristisch machbare ausloten lassen und nachdem auch Sardinien zur EU gehört, is dann rum mit haben wir immer schon so gemacht.
Aber dennoch, wenn hier wiedermal ein Bericht erscheint, mir der Frage nach der kriminalität, wäre es schön wenn Du die passenden Worte finden würdest.

Hans
 
Autor: bo-ju
Datum: 16.06.10 21:00

Hallo Sandokan,

An die Malariabekämpfung kann ich mich insoweit erinnern, als noch 1962 an sehr vielen Häusern in großen weißen Buchstaben geschrieben stand: DDT (Danach die Jahreszahl). Zur Kontrolle, wo die Bekämpfer schon gewesen waren. Letztendlich haben sie die Malaria ja ausgerottet. Etwas hat sich bis heute erhalten: Jedes Frühjahr werden alle nicht mehr benutzten Brunnen und sonstige feuchte Stellen mit mückenvernichtenden Mitteln versehen. Sehr giftig für Menschen kann das Zeug nicht sein. Man hat mir gesagt, nach 20 Minuten könnte man es wieder trinken. Aber gegen Mücken scheint es zu helfen.

1962 hatten wir unser Zelt an der Costa del sud stehen. Ganz alleine an einem Strand. Ein Freund nahm uns mit zum Pizza essen in Teulada. Ich konnte mir nicht vorstellen, das Zelt ganz alleine dort stehen zu lassen. Der Freund meinte nur trocken: keine Bange, qui non si tocca niente, hier rührt keiner was an. Er hatte recht, mit vollem Bauch zurückgekehrt, fanden wir alles unversehrt. Mach das mal heute.

Auch die Kriminalität ist zweigeteilt auf der Insel: Die Probleme, die die Sarden untereinander ausfechten (und von der ich eigentlich so wenig wie möglich erzählen möchte, die Touristen könnten sonst Angst bekommen und ich weiß nicht, wie ich ihnen klarmachen kann, dass es sie in keinstem Fall betrifft).
Und dann die neumodische Kriminalität, vom Kontinent rübergeschwappt: Bankraub, Vergewaltigung, Drogen. Erst gestern hat man in unserem kleinen Dorf 3 Jugendliche Drogendealer geschnappt, 2 Jungen u. 1 Mädchen. Das sind wir ja inzwischen von überall her gewohnt. Schade, daß man solche Dinge inzwischen überall mit einrechnen muß. Jedenfalls schließe ich ab, wenn ich ausgehe.

Und was diese neuen Festungen angeht, die wir in unserer Gegend auch haben,meinen selbst die Sarden, mit denen ich spreche: Komisch, was haben die denn zu verbergen? Von saftigeren Kommentaren ganz zu schweigen.

Schluß, bevor ich zu viel rede. Vielleicht findest du passendere Worte. Gruß Ju
 
Autor: Sandokan
Datum: 16.06.10 21:43

Hallo Hans,

die Tücken italienischen Straf- und Zivilrechts kennend und den Spruch: "fatta la legge, trovato l'inganno", können sich Erbstreitigkeiten in Sardinien schon mal schnell über 3 Jahrzehnte hinziehen und sich dann im Nichts auflösen.

Liebe Grüße aus Baja,

Marco
 
Autor: Sandokan
Datum: 16.06.10 22:19

Hallo Bo-Ju,

wie sehr genieße ich Deine Zeilen und Deine Erinnerungen. Sie lassen in mir die Lebendigkeit meiner Großeltern aufleben, die mir diese Dinge die Du bestätigst erzählten, als seien sie gestern geschehen.

Es ist heute noch so: "keine Bange, quí nessuno ti tocca niente", wobei es hier an der Costa Smeralda wohl zwei Realitäten gibt: die Realität im August und die außerhalb des Ferragosto und es mag Dir vielleicht seltsam klingen, aber auch im Sommer ist uns seit 1955 noch nie etwas passiert, abhanden gekommen oder Unrecht geschehen.

Ich vergesse das allerdings immer und werde mir erst dann wieder Gewahr, wenn ich von Freunden gefragt werde, ob der Alarm ausreichend sei, ob man mit einem neuen Auto kommen könne oder das Haus hinreichend abgesichert sei. Innerlich lache ich immer wieder, nehme aber ihre Anliegen äußerlich sehr ernst und beschwichtige sie, daß wir hier nicht im Ghaza-Streifen leben sondern in Sardinien.

Da ich mein Haupttor immer offen halte und sich bei mir Hinz- und Kunz einfinden kann und es mit den Worten meines Onkels von "höchster Wurschtigkeit" ist, wer sich bei mir einfindet, gab es vor kurzem etwas Unerhörtes zu berichten: "es wurde im Garten eingebrochen" (im Dezember)

Ich lief meine tägliche Runde im Orangenhain entlang, als ich einen kleinwüchsigen Italiener sah, der unerlaubt Orangen klaute. Da ich doch etwas kurzsichtig aber großgewachsen bin, lief ich in den Geräteschuppen und holte einen Spaten und hielt ihn am Revers und lief zu ihm hin. Ich musste mich ihm schon sehr nähern um ihn zu erkennen und er rief mir von Weitem zu: "Sono Don Giacomino e raccolgo per i poveri !"

Sodann ließ ich den Spaten fallen und dachte mir, daß es wohl unangebracht sei den Ortspfarrer zu erschlagen, (er ist Franziskaner), der für die Armen Orangen von meinen Bäumen klaut. Ich kann Dir versichern, daß mich diese Szenerie sehr beschämt hat, denn ich hätte selbst darauf kommen können, dem Pfarrer die Orangen zu spenden anstatt sie auf dem Boden verfaulen zu lassen, so daß ich meine Frau und Freunde am nächsten Tag dazu aufforderte, die Orangen zu ernten und sie vor der Sakristei hinzustellen. Auf die Idee hätte ich schon selbst vorher kommen müssen.

Zwei Tage später kamen drei finstere sardische Gestalten mit Gewehren auf den Rücken und brachten mir als Geschenk Wildschweinteile von einem Frischling an. Gottseidank hatte ich einen Koch als Besuch, der sich der im blauen Eimer angebrachten blutigen Einzelteile kümmerte und wir haben eine Woche lang Wildschwein gegessen, bis er mir aus den Ohren kam.

Bo-Ju, ich liebe mein Sardinien sehr und ich weiß wohl, daß sie mir meine Orangen und Zitronen klauen (bin ja nicht depp), aber sie kommen ein oder zwei Tage später mit Zitronenkuchen und Orangenmarmelade an, stellen mir einen Panettone oder einen selbstgemachten Mirto hin. Wortlos. Grußlos.

Nonverbale Kommunikation. Ich liebe es.

Con affetto.

Marco
 
Autor: Jürgen
Datum: 16.06.10 22:40

Hallo zusammen,

wenn ich mir überlege was man sich alles einfallen lässt um in einem Vertrag alle Eventualitäten berücksichtigt zu haben, weil ich befürchte, dass der andere mich nur übers Ohr hauen möchte und hört dann die eine oder andere Geshichte ist dass chon krass, aber ich liebe Eure Geschichten, macht weiter so und schreibt weiter davon, es ist einfach shön !!

LG
Jürgen
 
Autor: Sandokan
Datum: 17.06.10 14:19

Liebe Bo-Ju,

ich denke eigentlich, daß diese Festungen in unseren Köpfen entstehen, wo wir doch tagtäglich mit Kriegen, Auseinandersetzungen und Verbrechen drangsaliert werden. Ich habe für mich daher beschlossen, italienisches Fernsehen abzustellen, weil ich der dort berichteten täglichen Gewalt- und Kriminalitätsorgie einfach überdrüssig bin.

Hier auf meiner Thunfischinsel ist es friedlich - und auch vor allem in meinem Kopf :)

Liebe Grüße,

Marco
 
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