Liebes Forum,

nach langjähriger Abstinenz brachte mich der diesjährige Sommerurlaub mal wieder zurück nach Sardinien und Korsika. Aufgrund einer Dienstreise nach Florenz lautete die Reiseroute auf dem Hinweg München-(Air-Dolomiti-Flug)-Florenz-(Bahn)-Livorno-(Corsica Ferries)-Ile Rousse ... auf Korsika konnte ich (endlich) den Nordteil des GR20 vollenden und schließlich noch mit dem Mietwagen die Strecke Ajaccio-Porto-Calvi-Ponte Leccia-Aléria-Bonifacio-Sartène-Ajaccio befahren. Das interessiert hier ja wieder niemand, aber Korsika ist nach wie vor ein richtig tolles Reiseziel ... besonders in Erinnerung geblieben ist mir jedoch ein Gespräch mit dem belgischen Schäfer der Bergerie de Tolla (nahe Vizzavona), der lapidär sagte: Wenn nur die Sarden in Korsika lebten, dann gäbe es die perfekte Insel. Ganz seiner Meinung.

Der sardische Teil der Reise begann mit dem Übersetzen mit der Saremar nach Santa Teresa (wie lange quälen die die alte Ichnusa eigentlich noch durch den Kanal? :D). Mein Quartier schlug ich in Badesi auf, wie so oft bei den vielen Besuchen. Aufgrund eines Sardinienneulings als Begleitung wurde die Reise zu einem Rundumschlag, gespickt mit zwei auch mir noch unbekannten Highlights der Insel: Einer Segeltour im nördlichen Maddalena-Archipel und dem Klettersteig Cabriol am Capo Caccia. Daneben ein Besuch Stintinos, Argentieras und Porto Ferros (ersteres wie immer schrecklich, zweiteres hat sich wie ich finde wirklich gemausert in den letzten Jahren und letzteres ist und bleibt einfach ein herrlich entspannter Strand, gerade nach Stintino). Ein Ausflug via Cagliari und Tuerredda an die Costa Verde, sowie die üblichen Nahziele Alghero, Sassari, Castelsardo, Costa Paradiso und Capo Testa. Jaja, das geht alles, auch wenn mir einige widersprechen mögen :p

Beschränken wir uns auf meine Highlights: Ich hatte vor einiger Zeit hier mal eine Anfrage eingestellt, was es mit der Via ferrata del Cabriol aussieht. Nun, ich habe sie vor ungefähr einer Woche begangen und bin hellauf begeistert. Aufgrund des Sciroccos hatten wir nicht mit Wind zu kämpfen (bei starkem Maestrale dürfte es dort ziemlich ungemütlich bis teilweise gefährlich sein). Der Steig an sich ist überschaubar schwer: Er besteht aus einem unteren und einem oberen Band, Ein- und Ausstieg liegen fast nebeneinander. Das untere Band ist de facto eine Klippenwanderung, erwähnenswert sind ein bis zwei Stellen, an denen man das vorhandene Stahlseil gerne nutzt, weil es ordentlich abwärts geht. Es gibt aber auch genug Stellen, wo gar kein Seil gespannt ist. Die Ausblicke sind auch dort toll, trittsicheren Menschen durchaus als Wanderung für den Hin- und Rückweg zu empfehlen. Urplötzlich steht man dann jedoch vor der Schlüsselstelle des ganzen Klettersteigs, dem Aufstieg zum oberen Band. Es wurde reichlich Eisen verbaut, so dass kein Felskontakt nötig ist, wenn man ihn nicht sucht. In den einschlägigen Portalen ist die Stelle mit D angegeben, mir kam sie etwas leichter (C/D) vor ... sei es drum, wir hatten wir gesagt gute Bedingungen (es versteht sich von selbst, dass man im Sommer unbedingt spätestens mittags gehen sollte, um nicht von der Sonne geröstet zu werden) ... bei Wind ist der Aufschwung vermutlich nicht ohne, ein ganz leichter Überhang ist dabei. Und unter einem geht es gewaltig abwärts. Der Vorteil ob des leichten unteren Bands (max. A/B) ist aber, dass man problemlos umgkehren kann, wenn einem die Stelle zu schwer erscheint. Das obere Band ist fast durchgängig gesichert, die Ausblicke sind noch besser ... die schwierigste Stelle hat man aber hinter sich. Es kommen noch ein paar Passagen im Abstieg, die nicht ganz ohne sind (C) und ein paar Stellen, an denen der Fels überhängt und man sich deshalb am Stahlseil über dem Abgrund entlanghangelt ... da ist aber nicht viel dabei (B). Alles in allem ist der Steig deshalb so toll, weil er die grandiose Landschaft des westlichen Capo Caccias mit dem Klettersteiggehen vereint. Viel Steigerungspotenzial fällt mit da nicht mehr ein, wenn nicht irgendwann vor den bunten buchten der Ogliastra auch ein Steig angelegt wird.

Das zweite Highlight brachte mich mal wieder an die Costa Smeralda. Über unseren @Sandokan buchte ich eine seiner in Baja Sardinia startenden Segeltouren im Maddalena-Archipel... und kann sie wirklich nur wärmstens weiterempfehlen: http://sardinienforum.de/threads/segeln-naturschutzgebiet-maddalena-und-costa-smeralda.6547/
Ein ähnlicher Preis wie bei den großen Ausflugsbooten, aber eine sehr viel individuellere Behandlung (wir waren 6 Gäste auf einem Katamaran), Mitspracherecht bei der Tour ... und was ist schon ein Motorboot, wenn man auch dank Segel und Wind ankommen kann?! An dieser Stelle die besten Grüße an das Ehepaar aus NRW, das sich an Bord befand und dessen weiblicher Part hier ebenfalls aktiv ist (ich habe gar nicht nach deinem Nickname gefragt ;)) ... und natürlich an den Organisator der Tour. Nachdem sich qwpoeriu mit einer völlig unnötigen Verspätung um 9.40 Uhr an der Agiptankstelle einfand ging es alsbald los. Capo d'Orso, Palau/Maddalena ... und zu meinem Glück wurde Kurs auf Santa Maria und Budelli genommen. Santa Maria ... joa ... das Wasser ist überragend, der Strand an sich unspeltakulär. Wären da nicht die Ausflugsboote, die ihn im 30-Minuten-Takt befüllen ... und 15 Minuten später wieder leeren. Weitere Beobachtung: Kaum jemand geht schwimmen, man geht vielmehr knietief ins Wasser und posiert für Photos. Facebook und Instagram fordern wohl ihren Tribut bei der Urlaubsplanung - wer es braucht. Aufgrund der individuellen Tour konnten wir in ruhe abwarten, bis der Strand sich geleert hatte ... und dann ebenfalls die Kamera zücken :cool: ... um zurück auf dem Boot vom Mittagessen empfangen zu werden. Highlight war aber zweifelsohne Budelli, das sich ein reicher Neuseeländer komplett gekauft hat ... und der Natur überlässt. Und ja, natürlich sind wir zur Spiagga Rosa gefahren und drumherumgelaufen, um mit dem Eremiten zu sprechen - während dieser tatsächlich einen Eindringling vom Meer her vertreiben musste. Wer die sardischen Strände kennt, ist ja ohnehin verwöhnt ... wer diesen abartigen Strand jedoch gesehen hat, wird selbst auf Sardinien wählerisch :eek:. Rückkehr war schließlich gegen 18 Uhr, man ist also wirklich (fast) den ganzen Tag unterwegs.

Die Rückreise führte mich schließlich via Alghero, Bosa und Nuoro an die Cinta nach San Teodoro, noch so ein Superstrand, der nichts mehr für mich ist. Dennoch, zwei Stunden auf dem Weg nach Olbia nehme ich natürlich gerne mit. Schließlich brachte mich die Athara von Olbia nach Civitavecchia und ein Flugzeug von Easyjet von Rom zurück nach München. Ich bin bezüglich der Gesellschaften deshalb so auskunftsfreudig, weil ich mich einmal mehr darin bestätigt sehe, da ausnahmslos auf den Preis zu achten: Air Dolomiti war mal richtig klasse ... inzwischen gibt es ein widerliches Lufthansa-Sandwich und eine Cola, nichts was den Preisunterschied zu easyjet rechnen würde, 1.5h halte ich es auch ohne Getränk aus. Der Vergleich Corsica Ferries (Marina Seconda) und Tirrenia (Athara) mag ob des unterschiedlichen Alters der Schiffe unfair sein ... aber ich sehe bei den modernen tirreniafähren einfach keinerlei Unterschied mehr zu Moby und Cosa-Ferries ... im Gegenteil, bei Tirrenia bleibt die ganze Nacht eine Bar geöffnet, was zumindest auf der Fahrt nach Korsika nicht der Fall war. Schlafen ließ sich mit Schlafsack und Isomatte bei beiden problemlos im Self-Service-Bereich ... und in Sachen Sauberkeit der Einrichtungen war die Athara sogar etwas angenehmer. Über Kabinen kann ich wie immer nichts sagen, nie im Leben werfe ich der Bagage dafür mein Geld in den Rachen whistling


Photos gibts im Photothread ...
Grüße
 
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mare

Sehr aktives Mitglied
Danke für deinen Bericht und die tollen Bilder.
Sehr schön, interessant und aussagekräftig. Das war aber wirklich schon ein größerer Rundumschlag ! :)

Viele Grüße
Petra
 
C

CiaoCiaoSardegna

Gast
COMPLIMENTI VIVISSIMI, caro @qwpoeriu !!! Toller Bericht!

Kaum jemand geht schwimmen, man geht vielmehr knietief ins Wasser und posiert für Photos. Facebook und Instagram fordern wohl ihren Tribut bei der Urlaubsplanung - wer es braucht.

Genau das ist mir diesen Sommer auch MASSIV aufgefallen, zwar nicht auf Sardinien, sondern auf einer griechischen Nachbarinsel. Aber die neue Touristenspezies scheint überall gleich zu sein: Da sitzen sie in der allerletzten, unzugänglichsten Ecke einer Insel - in den Bergen mit dem sensationellsten Meerblick, den man sich vorstellen kann ... und was tun sie? Sie mosern über das grottenschlechte W-LAN! Kann man jetzt nur noch online Urlaub machen??? Quo vadis homo sapiens? ... aber ich glaube, der ist eh schon fast ausgestorben ... (.)(.)

LG - Barbara
 
Barbara,

es gibt solche und solche Besucher Sardiniens. Unsere Gäste im Haus Sa Capanna haben noch nie nach WLAN gefragt u. waren eher froh, mal nicht permanent erreichbar zu sein. Aber in unser Haus kommen ohnehin nur Menschen, die die Alleinlage, die Ruhe und die Natur schätzen - und den Blick aufs Meer. Im Bild das Segelboot unseres Sohnes vorm Hafen von Porto Ottiolu, bin in diesem Sommer zum ersten Mal mitgesegelt.

Liebe Grüße, GüntherG0275745.JPG
 
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J.ü.r.g.e.n

Sehr aktives Mitglied
Alleinlage, schwimmen, und Wlan schließen sich aber nicht zwangsläufig gegenseitig aus.
Wohne momentan zur Miete in Alleinlage ,war heute in der Cala Goloritze schwimmen, und bin doch tatsächlich online. ;)

L.G. Jürgen
 
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