Der Artikel "Sardisches Banditendorf Orgosolo - Killer und Künstler" von Solveig Grothe
ist ein ärgerliches Machwerk, welches die seit vielen Jahrzehnten geschürten Vorurteile über das Bergdorf in der Barbagia ("Barbarei" seit Römerzeiten) und seine Menschen bedient. Frau Grothe, ein totales Eigentor!
Mit dem gegenwärtigen Orgosolo hat der Spiegel-Artikel nichts zu tun, ist wohl dem Sommerloch im dt. Blätterwald geschuldet. Authentische (auch kontroverse) Berichte aus eigener Anschauung findet ihr in diesem Forum eine ganze Reihe (bitte Suchfunktion benutzen).

Günther
 
Ihr habt aber schon gesehen, dass der Artikel in der Rubrik "Eines Tages" erschienen ist, also gar nicht den Anspruch erhebt, das aktuelle Orgosolo vorzustellen? whistling
 
Die Gegenwart von vor 10 Jahren? :)

Versteh mich nicht falsch, mir ist der Artikel wurscht und ich kenne die Autorin nicht. Aber letztlich werden in einem Absatz Todesfälle/Verbrechen geschildert, und wenn 2007 etwas passiert ist, dann würde ich es in diesem Format auch nicht verschweigen.

Und dann sind wir eben wieder beim alten Thema, wie viel Tourismus und Aufmerksamkeit die Insel verträgt. Natürlich hat niemand gemordet oder Wände bemalt, um bei SPON erwähnt zu werden. Aber dass der Ort und zwielichtige Geschäftsleute unter anderem aus solchen Storys ihr Kapital schlagen (siehe die im Höh-Führer beschriebenen und kritisierten Pseudoüberfälle) oder zumindest damit kokettieren, ist doch unstrittig. Die wenigsten hier könnten Gavoi, Orune oder Desulo auf einer Karte verorten - Orgosolo sagt ihnen etwas. Lebte ich dort, ich käme mir vor wie im Zoo, wenn die Leute vorbeikommen, um mein Dorf zu beglotzen. Gleichzeitig gehen diese Leute aber auch in Orgosolo essen, übernachten womöglich, bringen jedenfalls (einigen Glücklichen) Geld. Was machen wir also: Berichte schreiben, in denen steht, dass es dort bemalte Häuser gibt, aber den Rest unter den Tisch fallen lassen? So funktioniert die Medienlandschaft nicht. Skandale, Absonderlichkeiten, Pseudospannung, ... und lieber Leser, traust du dich, todesmutig, in dieses Verbrechernest? Das lässt sich grundsätzlich kritisieren, aber ich finde diesen Artikel jetzt nicht übermäßig schlecht oder tendenziös, wirklich nicht. Da war vermutlich jemand im Sommerurlaub da, hörte von diesem Ort, packte Internetrecherche und Hörensagen zusammen und machte, wichtig, eine Story daraus.

Auch hier: http://sardinienforum.de/threads/nach-orgosolo-fahren-oder-doch-lieber-nicht.2947/ gab bzw. gibt es ja durchaus warnende Stimmen. Ich war vor ewigen Zeiten dort, keine Ahnung, wie sich das gewandelt hat, damals fühlte ich mich nicht wohler oder unwohler als anderswo.
 
Ihr habt aber schon gesehen, dass der Artikel in der Rubrik "Eines Tages" erschienen ist, also gar nicht den Anspruch erhebt, das aktuelle Orgosolo vorzustellen? whistling

Was die Autorin zu diesem Artikel inspirierte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich hatte sie ihn schon im Archiv abgelegt u. wieder hervorgeholt. Wichtiger ist die Wirkung, die ein solcher Artikel auf das zu fast 100 % zur Lebensrealität in "Orgosolo" wohl uninformierte Lesepublikum im deutschsprachigen Raum erzielt: Das "Banditendorf"-Klischee wird wieder einmal aufgewärmt. Ich bin zum ersten Mal 1982 in Orgosolo gewesen, und danach noch einige Male, und das nicht nur auf einer kurzen Durchreise. Schon damals habe ich Orgosolo u. seine Menschen nicht so wahrgenommen, wie im Artikel geschildert.

Wie dürftig die Autorin auch zum Teil "Künstler" recherchiert hat, zeigt dieses Beispiel: Murales gab/gibt es nicht nur in Orgosolo (ab 1975 zum Gedenken an die Befreiung Italiens vom Faschismus), sondern zeitnah auch in Oliena. Die Künstler kamen übrigens nicht aus Orgosolo oder Oliena, sondern vom Festland u. dem Ausland.

Günther
 
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Die Gegenwart von vor 10 Jahren? :)

Versteh mich nicht falsch, mir ist der Artikel wurscht und ich kenne die Autorin nicht. Aber letztlich werden in einem Absatz Todesfälle/Verbrechen geschildert, und wenn 2007 etwas passiert ist, dann würde ich es in diesem Format auch nicht verschweigen.

Und dann sind wir eben wieder beim alten Thema, wie viel Tourismus und Aufmerksamkeit die Insel verträgt. Natürlich hat niemand gemordet oder Wände bemalt, um bei SPON erwähnt zu werden. Aber dass der Ort und zwielichtige Geschäftsleute unter anderem aus solchen Storys ihr Kapital schlagen (siehe die im Höh-Führer beschriebenen und kritisierten Pseudoüberfälle) oder zumindest damit kokettieren, ist doch unstrittig. Die wenigsten hier könnten Gavoi, Orune oder Desulo auf einer Karte verorten - Orgosolo sagt ihnen etwas. Lebte ich dort, ich käme mir vor wie im Zoo, wenn die Leute vorbeikommen, um mein Dorf zu beglotzen. Gleichzeitig gehen diese Leute aber auch in Orgosolo essen, übernachten womöglich, bringen jedenfalls (einigen Glücklichen) Geld. Was machen wir also: Berichte schreiben, in denen steht, dass es dort bemalte Häuser gibt, aber den Rest unter den Tisch fallen lassen? So funktioniert die Medienlandschaft nicht. Skandale, Absonderlichkeiten, Pseudospannung, ... und lieber Leser, traust du dich, todesmutig, in dieses Verbrechernest? Das lässt sich grundsätzlich kritisieren, aber ich finde diesen Artikel jetzt nicht übermäßig schlecht oder tendenziös, wirklich nicht. Da war vermutlich jemand im Sommerurlaub da, hörte von diesem Ort, packte Internetrecherche und Hörensagen zusammen und machte, wichtig, eine Story daraus.

Auch hier: http://sardinienforum.de/threads/nach-orgosolo-fahren-oder-doch-lieber-nicht.2947/ gab bzw. gibt es ja durchaus warnende Stimmen. Ich war vor ewigen Zeiten dort, keine Ahnung, wie sich das gewandelt hat, damals fühlte ich mich nicht wohler oder unwohler als anderswo.


Sehe ich auch so.

Ich war 2013 dort und die Einwohner waren hin und hergerissen zwischen Genervt sein von den Touris, die das (uhhuuuu) Banditendorf erleben möchten und froh sein über Abwechslung und Einnahmen durch Touris.
 
Haha ist das geil. Ich hatte davon vorher noch nie was gehört. In orgosolo war bei einer unserer Motorrad Touren das Handy Navi ausgefallen. Und darauf hin sind uns zwei Typen mit einem Auto in die Berge Richtung Fonni vorgefahren und haben uns in den einsamsten Straßen den Weg gezeigt. Bei der Verabschiedung sind die mir so nahe auf die pelle gerückt, dass mein kumpel meinte die machen mich links. :D
 
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