Frage an die "Auskenner"

Adebar

Sehr aktives Mitglied
Es gibt ja hier einige, die sich gut auskennen . Wie ist das für die Italiener geregelt mit Krankengeld, gibt es so etwas ? Wie ist die Wohnungssituation für junge Familien, bedingt durch Airbnb und andere ? Wir sind jetzt ja gerade auf La Maddalena und das ist nun das volle Kontrastprogramm zu Sassari. Alles renoviert, saubere Straßen und Wege, auch noch in der vierten Straße abseits der Promenade. Aber es hat ein bisschen was künstliches, für die Touristen halt. Boutique an Boutique, Souvenirs überall und Cafés und Restaurants massig. Es gibt schöne Sachen, aber auch viel Kitsch zu kaufen und teuer. So ein bisschen was von Sylt halt, wenn Ihr versteht was ich meine. Können es sich die Einheimischen überhaupt noch leisten hier zu leben ? Bleibt Omas Häuschen noch im Familienbesitz oder wird es zu Fewos umgebaut ? Viele haben doch nur die Möglichkeit in Gastronomie, Handel oder Tourismus zu arbeiten. Wie ist da die Bezahlung, gerade auch außerhalb der Saison ? Ich würde manchmal gerne viel mehr über das Leben hier wissen, aber kann dafür viel zu wenig italienisch um die Wirtin unseres B&B auszufragen. Vielleicht könnt Ihr mir ein bisschen weiterhelfen ? Vielen Dank und Buona notte, Adebar
 
einen Aspekt beobachten wir hier in Castelsardo, denke dies gilt auch für andere Orte, gerade wenn sie touristisch interessant sind:
Ein Haus wird von der älteren Generation bewohnt, wenn diese stirbt, müssen/dürfen die Erben teilen und auch Erbschaftssteuer bezahlen. Hat einer der Erben Interesse das Objekt selber zu bewohnen, muss er mit den übrigen klarkommen, dh ausbezahlen, ausser diese verzichten, letzteres kommt wohl eher selten vor. Also wird es für den Interessierten oft unmöglich das Haus zu halten. So kommt es sehr oft zum Verkauf oder man versucht mit einem BnB einen gewissen Gewinn herauszuholen. Wenn gar keine Erben da sind, bröselt das Haus vor sich hin, manchmal jahrelang und die Tauben und anderes Getier sind die einzigen Bewohner.
 
...also ich habe La Maddalena nie als künstlich empfunden. Es gibt die ein zwei Einkaufsstraßen mit zum Teil auch hübschen Läden, ein bisschen Kitsch, Restaurants, den Hafen.... Also ganz ohne Läden und Restaurants wäre es doch merkwürdig!
Es ist halt auch ein Touristenziel, aber auch viele Segler etc nutzen den Hafen und die Strukturen.

War schon lange nicht mehr auf Sylt, aber finde den Vergleich der beiden Inseln nicht passend, da La M kein Treffpunkt der 'high society' ist.

Hins. Immobilien ist mir nur aufgefallen, dass auf La M relativ viele Wohnungen um Angebot sind, sehr oft dritte und vierte Etage ohne Lift und mit 'alter' Energieklasse!
 
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Der Ort La Maddalena ist schon etwas anders als andere Orte der Gallura, insbesondere auch anders als Orte entfernt vom Meer, mehr oder weniger im Landesinneren, dennoch als besonders künstlich oder "abgehoben" habe ich es auch nie empfunden... In der Sommersaison ist es halt schon mehr oder weniger, wie vielerorts an der Küste, auf Touristen ausgerichtet.

Die Comune la Maddalena hat immerhin über 10000 Einwohner (Residenti), aber ebenso wie Sardinien mit rückläufiger Tendenz zur Entvölkerung. Es gibt viele Einheimische, Pendler, die zum Arbeiten nach Sardinien fahren, aber auch umgekehrt nach Maddalena, Lehrer, Sanitätswesen etc.
Zur Bezahlung und den Arbeitsbedingungen im Tourismus könntest du bei Interesse auch mal explizit im Unterforum Gesellschaft Politik stöbern.

La Maddalena gehört zu den "Borghi più belli d'Italia", den "schönsten Dörfern Italiens", einem privaten Verein, der das Ziel hat, zur Erhaltung und Wiederbelebung kleiner Ortskerne und Gemeinden beizutragen und diese entsprechend fördert.
Auf Sardinien gehören zu diesen borghi:
Atzara, Lollove, Bosa, Castelsardo, La Maddalena, Tempio, Posada, Carloforte, Sadali

Siehe dazu auch:

Noch eine schöne Zeit auf Sardinien, genießt die blühende Insel (n) ...
 
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...und die Regeln (!), wenn man renovieren/umbauen möchte sind gerade in diesen "borghi più belli" besonders streng, aber eigentlich überall in den Innenstädten und Dorfzentren. Auch darum wird ausserhalb gebaut, wo man erst noch problemlos parken kann und die romantischen Zentren werden den Touristen überlassen...und dann schreit man nun was von "overtouristed" und versucht dieses Rad rückwärts zu drehen. Dieser Zug scheint mir abgefahren...
 
In Bosa z.B. soll der alte Kalksandstein verwendet werden, aber der Steinbruch ist seit Jahrzehnten zu.
 
Ich versuche es mal ein wenig zu relativieren und hoffe, dass ich es nicht verschlimmere. Danke an Beppe für den alten Thread zu den Preisen der Fähre. Da steckt viel Wahrheit drin. Warum sollen Festlandssarden für 50 € noch nach LM fahren. Den tollen Strand mit Ausblick, ds gleiche Wasser und gute Restaurants haben Sie auch so. Also kommen die Touristen und diese würden noch mehr bezahlen, wir wahrscheinlich auch, um mal zu schauen. Wir waren heute auf Caprera und die Aussicht von den alten Bastionen und beim Garibaldi Denkmal ist schon toll, das fängt kein Foto ein, das muss das Gehirn abspeichern für kalte Winter in Deutschland. Gegessen haben wir in einer kleinen Pizzeria in einem Vorort, lecker und preiswert. Gestern haben wir uns im Hafen zwei Panini machen lassen, die wir abends auf der Terrasse essen wollten mit einer Flasche Rotwein, wenn wir schon so einen tollen Blick haben. Diese entpupten sich dann als zwei trockene Brötchen mit je einer Scheibe Salami und Schnittkäse aus der Packung für je 6,50 € . Beim bummeln am Hafen entdeckt man noch vereinzelt Schilder und sieht, da war mal ein Fleischer oder eine Bäckerei. Heute werden da Hamburger und Pommes verkauft, sind Appartements drin oder Boutiquen. Das ist wichtig und belebt auch, aber das Traditionelle verschwindet und die Leute können es sich nicht mehr leisten, dort zu leben. Dadurch wird der kleine Bereich am Hafen zwar hübsch und zieht die Massen an, er wird aber völlig austauschbar. Ich könnte genauso gerade in Rimini, Dubrovnik oder in Nizza sein. Vielleicht ist das eher der richtige Begriff, beliebig, statt künstlich. Ich kann es leider nicht richtig beschreiben, es ist wunderschön, lässt Einen aber auch erschaudern, wenn man an den Sommer denkt. Da möchte ich nicht hier sein, dann doch lieber wieder im W oder SW. So wie Nonna schreibt, es droht Overtourismus und dann kippt es vielleicht wieder. Aber keine Sorge, ich genieße den Urlaub schon und grübele nicht nur . Mein Mann meint immer, über was ich mir immer Gedanken mache, kann er nicht nachvollziehen.
Schön anzusehen waren gestern die vielen Kadetten. Es war wohl eine Art Vereidigung der Neuen und sie waren Alle in Familie. So viele stolze Väter und Großväter, die den Jungen die Schultern klopften und Fotos machten und glückliche Mütter, die sie umarmten und küssten, einfach herzlich . LG Adebar 20260425_142455.jpg20260425_150145.jpg
 
Liebe Adebar,
ich finde es ziemlich gut, dass Deine Beiträge sich von vielen ähnlichen unterscheiden und zum Denken anregen. Vielleicht verspürt man zunächst einen Anflug dagegenzuhalten, Deine Einschätzungen abzulehnen, zu rechtfertigen, oder fühlt sich irgendwie betroffen, weil man das so, mit diesem Aspekten noch gar nicht hinterfragt hatte...
Zumal Du auch zu einer Reisezeit unterwegs bist, die für viele unbekannt ist. Daher ist es eine neue, höchst spannende Reise, die Du hier beschreibst.
Vielen Dank!
 
Hallo Adebar! Eine interessante Diskussion, die du da angestoßen hast. Im Schriftlichen ist es halt nicht immer alles so eindeutig oder schwerer auszudrücken als in einem Gespräch, und natürlich sind die Erwartungen, bisherigen Erfahrungen, Eindrücke, der Fokus , natürlich auf Einschätzungen usw verschieden. Aber warum kann nicht Verschiedenes nebeneinander stehen, einfach so respektiert werden, das kann eigentlich nur den Horizont erweitern.

Maddalena /Caprera: tolle Natur, Galluralandschaft ja, Wanderungen, das Archipel, die belebenden nachhaltig bleibenden visuellen Eindrücke. Ja gerade, wenn alles gerade erst langsam und gemächlich aus dem Winterschlaf erwacht. Insofern auch anders als im September zB.

Was man aber auch nicht vergessen darf, möchte ich hier dennoch noch zu bedenken geben, ist einiges auch durch die Insellage bedingt, was die Einheimischen, aber auch Touristen betrifft, wovon man ja selbst einer ist. Und dazu kommt, dass Maddalena/Caprera nicht sehr groß sind und man dort dann relativ wenig Möglichkeiten, Ausweichmöglichkeiten hat, auch andere Orte und anderes noch anzusehen, zu erkunden. Die Stadt La Maddalena würde ich jedenfalls nicht unbedingt mit dem gesamten Norden gleichsetzen. Auch gibt es weitläufigere Strände, zB zwischen Santa Teresa und La Ciaccia, wo es sich selbst im Sommer relativ gut verteilt und wenig Bebauung gibt..

Vielleicht habt ihr noch (irgendwann mal, wenn nicht jetzt ) die Gelegenheit in die Innere Gallura zu fahren. Orte wie Aggius, Luogosanto, Aglientu, Calangianus ua. sind da schon anders. Mit sardischem Leben, Bäcker, Metzger, kleine Alimentari usw, die es immerhin noch gibt, Festen. Traditionell liegen viele gewachsene Orte auf Sardinien im Landesinnern, eben wenige an der Küste. Obwohl es diese Tendenz zur Entvölkerung, der Abwanderung der Jungen, Geburtenrückgang, teils fehlenden Beschäftigungsmöglichkeiten auch in Orten im Inneren gibt, und das nicht nur im Norden Sardiniens. Oder man dieses generelle Aussterben von kleinen Läden, Metzger, Bäcker, Geschäften usw. in den Orten leider auch vielerorts auch in Deutschland hat.

Berichte und hinterfrage bitte gerne genauso weiter...

Was ist eigentlich aus eurer Bootstour geworden?

P.S.Es sei noch an die Frühlingsfeste der Gallura, meist aber etwas später erst im Frühling, oder eine traditionelle Hochzeit in dem Kirchlein Buoncammino und an Andihas Bericht hier erinnert
 
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