Die gute Nachricht: ein großer deutscher Outdoor Hersteller hat eine dicke Spende auf den Weg nach Kalymnos geschickt! Die schlechte Nachricht: es ertrinken immer noch sehr oft Flüchtlinge auf dem Weg von Bodrum nach Kos! Nur berichtet keiner mehr darüber. Es ist wohl alles dazu in den Medien gesagt. Und so lange nicht wieder Hunderte ums Leben kommen, ist es keine Schlagzeile wert. Deshalb hier ein Artikel von einer freiwilligen Helferin auf Kos:
Montag, 16.11., ab 22 Uhr, Kos-Stadt
(Achtung, schwere Kost)
Mit zwei PKWs fahren wir Kuestenabschnitt fuer Kuestenabschnitt Patrouille und hoffen auf keine Boote. Eine aberwitzige Idee, denn es gibt keine Naechte ohne Boote. Aber die See ist so rauh, dass koennte kein Mensch auf einer Nussschale ueberleben. Ueberall sehe ich Berge von Schwimmwesten vom Hersteller Yamaha. Wie zynisch die Hersteller sein muessen! Viele der Westen sind kaputt, darin nur duenne Schichten, die sich wie Thermomatten anfassen. Niemals kann dieses Geruempel Menschen retten. Ich weiss nicht was schlimmer ist: Die unglaublichen Mengen oder die kleinen Westchen darunter, die nur ganz kleinen Kindern passen koennen.
Schon auf der ersten Fahrt treffen wir unweit vom Hafen auf eine grosse Gruppe von ungefaehr 50 Maennern, vermutlich pakistanischer Abstammung. Ihr Boot ist schon wieder auf Rueckreise. Sie sind sehr geloest. Froh, dass sie es geschafft haben. Wir geben ihnen Wasser und hochkalorische Kekse und sie bedanken sich sehr, umarmen uns und verbeugen sich. Es sind so schoene Momente.
Einige Stunden spaeter sehen wir den Suchhubschrauber sowie zwei Kuestenboote ganz in unserer Naehe. Wir brechen auf, uns ist klar, wass diese Situation bedeutet. Wir hoffen nicht zu spaet zu kommen. Automatisch falte ich meine Haende und bete, als wir den Strand betreten. Verspreche in diesem Moment vieles, wenn es nur ein Fehlalarm waere. Auch wenn es sowas hier nicht gibt, aber die Logik funktioniert in mir nicht mehr. Wir rennen jetzt, wissen gar nicht warum, es ist ein reines Bauchgefuehl. Immer den Strand entlang. Drehen um, nehmen das Auto und fahren ueber unbefestigte Strassen an den naechsten Strandabschnitt. Rennen wieder.
Es leuchtet im Wasser. Glaenzt rot. Ein Polizist ist gerade angekommen und bleibt stehen. Mir ist in diesem Moment sofort klar, dass da ein Junge oder ein Maedchen liegt. Ich kenne die Groesse. Mein Sohn ist 11 und er ist ein bisschen kleiner. Die rot leuchtende Daunenjacke koennte ihm gehoeren. Vielleicht ist es sogar diesselbe von H&M, nur in einer anderen Farbe. Ich renne ins Wasser, halte den Kopf, fuehle ob ich etwas fuehle. Ein Lebenszeichen. Spuere viele seidige Haare und sehe nun einen dunkelblonden Schopf unter der Kapuze. Ein Maedchen! Sie ist, nein war bestimmt schoen, bestimmt klug und bestimmt in den letzten Minuten ihres Lebens voller Angst. So viele Sterne ueber mir. Ich hoffe, sie hat sie als letztes gesehen. Oder ihre Mutter, die spaeter unweit von ihr ebenfalls tot an Land gespuelt wurde.
Ich moechte sie rausholen, die Polizei haelt mich ab. Mike nimmt mich in den Arm. Wir bleiben stehen und schauen in den Himmel. Er ist so schoen. Ich verfluche den Mond. Wie gut koennten wir einen Vollmond gebrauchen! All die Suchscheinwerfer um uns helfen nicht, reichen nicht aus um die Lebenden zu finden, reichen nur aus um das zerschellte Boot zu sehen. Ich kenne diese Boote. Mit meiner Familie sass ich schon mal in einem solchen. Auf dem Starnberger See. Zu fuenft. Sie waren mindestens doppelt so viele und der eisige Wind war nicht freundlicher als die stuermische See. Es wird eine Totennacht. Sogar die Medien berichten wieder einmal darueber. Als wenn es je eine Nacht ohne Tote gegeben haette.
Der Vater und ein Sohn konnte gerettet werden, Weiteres wissen wir heute noch nicht. Wie muss er sich fuehlen? Was ist schrecklicher? Tot oder lebendig zu sein?
Spaeter schaffen es noch einige Boote an Wasser. Sie sind viel groesser und 300 Personen sind gestern Nacht in Sicherheit gekommen. Wahrscheinlich konnte sich das die Familie in der Nussschale eine bessere Ueberfahrt nicht leisten. Fuer uns mit dem richtigen Pass kostet die Faehre 11 Euro. 11 Euro.
Niemals werde ich vergessen, wie seidig ihre Haare waren. Ich brauche eine rote Jacke, so eine wie sie sie hatte. Damit sie irgendwie weiterlebt. Was fuer verrueckte Gedanken ich schon habe. Fuer mich machen sie gerade Sinn.
Bitte spendet, damit wir mit richtigen Fernglaesern endlich was sehen koennen! flying-help.de