Organisation vs. Improvisation

Sandokan

Sehr aktives Mitglied
Liebe Forianer,

ich wurde 1997 im Sinne einer "Landverschickung" in einer Nacht und Nebel-Aktion nach Mailand geschickt und fand mich von einer hochgradig organisierten Gesellschaft in einer hochgradig unorganisierten, behäbigen, alten (!!) und "macchiavellistischen" Umgebung wieder. Nun habe ich doch alle meine Pläne im Kopf und weiß was ich will, denke aber nicht mindestens an die italienischen "imprevisti" (die Unvorhersehbarkeiten) die hier zum Alltag gehören.

Recht schnell bemerke ich, daß man hier in Italien nicht organisieren kann denn:"abbiamo tempo", "c'é ancora tempo", "vedremo", "chi vivrá, vedrá", "ci organizzeremo" und das alltägliche "dobbiamo arrangiarci" ("arrangiare" ist ein Wort, das es in der deutschen Sprache nicht gibt).

Jegliche Frage wird hier mit einem "Non c'é problema" abgebügelt und man weiß nur zu genau, daß wenn man so etwas hört es ein "Megaproblema" gibt. Anzi: "Stra-problema !"

Aber: Sie können improviseren, wenngleich man immer bis zur letzten Sekunde warten muss und einem das Herz bis in die Hose vor lauter Panik rutscht und sie drei mal die selbe Sache organisieren, reparieren, instandhalten müssen, wenn sie sich denn nur vorher gscheit organisiert hätten.

Die Frage ist nun, wie man aus der Not eine Tugend macht, indem man ihre latente Kunst zu Improvisieren zu einer Kunst des Organisierens führen könnte. Für mich macht Sie das unglaublich herzig. liebevoll und menschlich, wenn ich sehe wie sie schweißtreibend in der Gluthitze Dinge erledigen, die sie seit Monaten wissen und hätten erledigen können und ich verstehe, daß man in diesem Land mit Konjunktiven nicht weiterkommt. "Könnte, wollte, hätte und dürfte, sollte und möchte". Den größten Fehler den man machen kann ist zu sagen oder zu denken: "aber wir in Deutschland....." - don't even think about.

Bevor ich hier etwas erreiche, muß ich mit "gentilezza" (mit Freundlichkeit) an die Leute herantreten. Was sich für deutsche Ohren entsetzlich schleimig anhört, gehört hier zu den "convenevoli" (Höflichkeitsformen und Floskeln) und ist ein Muss. Erst werden Höflichkleiten, Freundlichkeiten, Verwandtschafts- und Bekanntschaftsgrade ausgetauscht und die persönliche Beziehung ist die Grundlage einer jeglichen Geschäftsbeziehung - und Sardinien eben ganz besonders.

Ich musste hier erfahren was es heißt "sicher zu leben" und denke gar nicht daran, den Hausschlüssel beim Einkauf, das Haus zu verschließen oder das Grundstück zu vergittern - es sind Dinge, die mir völlig fremd sind.

Der Rest wird halt eben improvisiert, auch wenn das völlig diametral zu meiner Persönlickeit steht und mich stets in den Wahnsinn treibt. In einem Wutanfall sagte ich neulich zu jemandem: "Siete talmente gentili che non mi date la possibilitá di incazzarmi". Zu deutsch: "Ihr seid allesamt so nett, daß ihr mir die Möglichkeit nehmt mich über Euch aufzuregen".

Ich trau mich ja schon gar nicht mehr nach Deutschland, weil mich mittlerweile 13 Jahre dieser Insel so geprägt haben, daß ich an dieses Gewurschtl, Improvisation, Halbgegarte, Endlosgejallere so daran gewöhnt habe, daß mich alles starre planmäßige: "Es hat so zu sein und muss so getan werden" auch wieder ziemlich wahrscheinlich aufregen würde.

Saluti.

Marco
 
Lieber Sandokan,

aus der Not eine Tugend zu machen fällt mir hier, ehrlich gesagt, oft nicht leicht. Bin halt norddeutsch geprägt. Zumal werde ich im älter werden auch ungeduldiger. Unser sard.-dt. Sohn sagt subito, u. meint damit morgen, überübermorgen oder auch nie. Das geht aber nicht immer.
Bsp.: Wir haben hier zur autarken Wasserversorgung einen Tiefbrunnen, ca. 130 m.
8 Monate lang war die Lowara-Tauchpumpe defekt u. im Rohr verkantet, wir haben in diesem trockenen Winter nur noch vom Regen-Brauchwasser gezehrt, u. mein sard. Schwager sagte immer "domani". Die neue Pumpe ist jetzt im Rohr - aber der elektronische Regel, schon der dritte, je ca. 150 €, funktioniert nicht. Der Schwager verspricht Abhilfe (er ist Elektriker) - seit 4 Wochen.

Es geht ja nicht um eine defekte Spülmaschine, das wäre mir völlig egal, sondern um Wasser für unser Haus.

Klar sind alle hier hilfsbereit bis zum Gehtnichtmehr. Als vor einigen Jahren jemand nachts auf unsere Haustür geschossen hat, war das halbe Dorf noch vor den Carabinieri hier oben bei uns auf dem Acker.

Grüße aus Brunella, Loc. Su Corvu (die gibt es hier wirklich, die Raben!),

Günther
 
Lieber Güther,

ein englischer Freund von mir meinte einmal: "I certainly admire the problem, but I don't have any solution, and if you don't have any solution, you don't have a problem". Diese nicht ganz so ernst gemeinte Aussage durchlebe ich hier mit einer gewissen Alltäglichkeit des "Und täglich grüßt das Murmeltier" und ohne eine gehörige Portion Demut und Humor, wäre das sonst nicht immer leicht zu ertragen.

Natürlich verstehe ich Deinen Ärger daß ein "subito" oder "immediatamente" eben nicht immer wirklich "subito" und "immediatamente" bedeuten und ich habe auch noch nie einen Handwerker gesehen, der einen Terminplaner in der Hand gehabt hätte. Dafür klingelt dann unentwegt das Handy und derjenige wird als nächstes bedient, der am lautesten schreit.

Ein Erlebnis von heute: Ich habe in den letzten 3 Wochen meinen Techniker ungelogen schon 20 Mal angerufen, da er eine Reparatur durchführen muss und er versetzt mich fröhlich von Tag zu Tag. Einmal fehlt das Werkzeug, dann der Draht, dann bleibt das Auto liegen und am nächsten Tag muß die Frau ins Krankenhaus, dann ist das bestellte Ersatzteil unpassend und man wisse ja, wie Lieferanten seien und heute, endlich heute sollte er kommen ! Nun rief ich ihn heute pünktlich um 18 Uhr an und fragte ihn, wo er denn bleibt und er antwortet mir am Telefon, daß ich ihn hätte doch gefälligst hätte erinnern sollen, wo ich doch wisse, daß er so vergesslich sei ! Ich wäre am Liebsten durch die Leitung gekrochen und hätte ihm gerne sonstwo hingekniffen, musste mir aber zugestehen, daß ich natürlich selbst dran Schuld bin. Was'n sonst.

Ich bin mir aber ziemlich sicher, daß es morgen ganz sicher klappen wird ! In der Zwischenzeit bin ich aber über all seine Probleme im Bilde und kenne auch "vita, morte e miracolo" (sein Leben, den Tod und die Wunder). Die Aktion wird 25 Euro an Arbeitsgebühr kosten, er wird 3 mal ankommen müssen weil nie irgendwas auf Anhieb klappt und er wird mir grinsend sagen, daß er überhaupt der Beste, der Zuverlässigste und ich ihn jederzeit anrufen könne – er käme ja immer prompt. Sympathisch und unterhaltend isser.

Grüße nach Brunella :)

Übrigens hat eine Bekannte von mir einen zahmen Raben, der ihr den einzigen Autoschlüssel geklaut hat - diese Aktion ist allerdings eine ganz andere und hochspannende Geschichte :) Denn erklär mal einem deutschen Autohersteller und Versicherer glaubhaft, daß der zahme sardische Rabe den High-Tech Schlüssel in die Macchia entführt hat.

Gute Nacht.

Marco
 
...also ich kann das [GELÖSCHT von Admin] von Sandokan nicht bestätigen , auch wenn ich weiss ,dass es diese Welt des angeblichen Improvisieren hier leider immer noch gibt. Gut , Ich lebe auch schon über 20 Jahre hier in Cagliari/Pula und habe bestimmt nicht nur vielleicht Glück , dass ich in meinem Umfeld andere Sarden getroffen habe , die pünklich sind , die gleich beim ersten Anruf von mir anworten und auch bei einem "subito" eben auch gleich da sind usw..... ob nun Freunde , Techniker , Handwerker , Elektriker , Klempner, Antenneninstallateur,Putzfrauen usw....Hinzu arbeite ich im Tourismus-Sektor , und wenn gewisse Summen fliessen , tendieren auch Sarden so wenig wie möglich zu improvisieren...., die jenigen , die immernoch grösstenteils "improvisieren" , sind aus meiner Erfahrung dann auch früher oder später die absoluten Looser gewesen , oder geben sich mit einer Mini-kundschaft zufrieden und bleiben meist auf dem selben, niedrigen Niveau...und vegetieren so dahin, ....dass sind dann auch die, die am meisten an der Bar jammern und sich nie in Frage stellen ...und das wird dann als romantisches stressfreies Leben in Sardinien verkauft...
Lg Frank.
 
Na, da zitiere ich nur, was meine Bekannte aus Cagliari immer predigt: "Cagliari ist nicht Sardinien".
Aber ob das zu diesem Thema wirklich stimmt ... ;)
Günther

P.S. Der Schwager wollte heute Vormittag kommen:DDann werde ich wohl noch einen Fernkurs als Elektriker machen müssen ... habe ja Zeit.
 
Also, ich wohne nicht in der Costa Smeralda oder Umgebung sondern in der Baronie - das ist nun wirklich woanders! Aber warum die Costa Smeralda nicht Sardinien sein soll, habe ich trotzdem nicht verstanden.
 
Ähm Frank,

wir sind eine Gemeinde von 5000 Einwohnern die im Sommer ca. 1 Million Touristen bewältigen soll und zwar subit, schnell "Stante pede" und "immediatamente". Wenn Du eine Lösung für diesen Zwiespalt hast, bist Du gerne eingeladen uns zu helfen.

Zalut.
 
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