Zyklone Cleopatra "S`annu e s`unda"

bo-ju

Sehr aktives Mitglied
Die "Unione Sarda" schreibt heute:

Am 13. 10.1889 eröffnete die 1. Ausgabe der Unione auf der Titelseite mit "I soccorsi pei danneggiati del Campidano"
Vor einer Woche wurde das cagliaritanische Hinterland von einer Überschwemmung tragischen Ausmaßes in die Knie gezwungen. 25Tote, Dutzende Verletzte, 2000 Evaquierte, 500 zerstörte Häuser. In Pirri, erzählt die Chronik, gab es eine Tote mit Namen Defenza Lecca. Ein wüstes Unwetter ging um 6 Uhr morgens über die Gegend um Cagliari nieder, 2 - 3 Stunden schlimmste Regenfälle. Monserrato, Selargius. Quartucciu und Quartu waren auch betroffen. Wo man sich an das Jahr 1889 als "S`annu e s`unda" erinnert.

Darunter schreibt die Unione heute:
Und was tut die Regierung jetzt? Es stimmt nicht, dass alle auf die Regierung warten und dass sie für alles verantwortlich wäre.
Was die Regierung aber nicht von der Verantwortung befreit in gleicher Situation für Sardinien das gleiche zu tun wie für die anderen Provinzen. Es sind mehr als 120 Jahre vergangen. Im November 2013 wird Sardinien vom Wirbelsturm verwüstet. Und jetzt? Was tut die Regierung?
 
Interessanterweise stand noch an einem der verwüsteten Häuser ein selbstverfasstes Spruchband das wie Hohn klingt: "No al fermo idrogeologico", was frei übersetzt so viel bedeutet wie: "Nein zum Baustopp aus wassergeologischen Gründen" - das Land, die Regierung und die Verbände tun bereits viel und verbieten Bauten in gefährlichen Gegenden. Manche wollen's nur nicht hören.

Die Apartmentwohnung in der die 4 Menschen in Arzachena umkamen war lediglich als Keller deklariert und hatte keine "agibilitá", also keine Wohnungszulassung. Das Haus befindet sich in einer Auslaufzone eines Flusses. Die Gemeinde trifft keinerlei Schuld.

Wir sind hier mehr als ausreichend über das herannahende Unwetter informiert worden. Es kam nicht unerwartet und auch nicht plötzlich. Wer sich bei diesem Monsunregen ohne Not in ein Auto setzt, begibt sich in Gefahr. Herbstgüsse dieser Intensität sind im November die Regel. Wenn auf unserem sonnengegerbten, knochentrockenen Boden 450 Liter Wasser regnen und dauerhaft seit 10 Stunden für jeden ersichtlich eine Wasserbombe platzt, ist es relativ klar, daß einige Stunden später aus Rinnsälen erst Bäche, dann Flüsse und später Fluten entstehen.

Wir sind via Fernsehen, Zeitung, Radio und Internet von den Behörden informiert worden und haben's auch allen Bekannten, Freunden, Nachbarn und Menschen gesagt. Wie es hier halt so üblich ist. Im Haus hat schon Stunden vorher der Hygrometer und die Wetterstation lauthals Alarm verkündet.

Das Monitoring, der Informationsfluss, Angaben via Windfinder, die Wettersimulationen als auch die Arbeit des Katastrophenschutzes sind High-Tech, Tip-Top und aktuell. Die Sarden zeigen erneut untereinander ihre uneingeschränkte und unkomplizierte Solidarität und hier arbeitet alles Hand in Hand. Einzelne Brigaden der Armee, Kirchen- und Wohlfahrtsverbände arbeiten ohne Unterlass und die zupackende Hemdsärmeligkeit der Sarden imponiert mir sehr.

Vermutlich hätten wir verglichen zu 1889 ohne all diese Hilfsmittel von heute weitaus mehr Tote und Verletzte gehabt.
 
Wir sind via Fernsehen, Zeitung, Radio und Internet von den Behörden informiert worden und haben's auch allen Bekannten, Freunden, Nachbarn und Menschen gesagt. Wie es hier halt so üblich ist.

Also, wenn es so ist, dass die Bevölkerung ausreichend informiert wurde, verstehe ich die SMS eines sardischen Freundes an mich am Vorabend des Unwetters um ca. 23 h nicht, die wörtlich lautete: "Qui domani fa temporale, ma va bene" "Morgen gibt es hier Gewitter, aber es geht gut". Kein Hinweis auf ein herannahendes Unwetter oder eine besondere Gefahr. - genau dieser Freund ist ständig am TV und spricht mit vielen Leuten - Restaurantbesitzer.
Da stimmt doch irgend etwas nicht. Wie kann das sein?
 
Was da nicht stimmt?

Liebe Georgie, Wir sind im Allgemeinen viel zu fortschrittsgläubig geworden, vertrauen auf unsere Techniik statt mal nach draussen zu schauen und Wolkenzusammensetzung und -dichte rechtzeitig zu beurteilen und das Auto höher zu stellen, wo die Wolken gar so schwarz werden.

Wir haben vergessen, dass die Natur immer stärker ist als wir und es immer sein wird.

Aber merkwürdig ist es schon, wie verschieden der Regen ausgefallen ist. Ich habe auch sofort in Carbonia meine Leute angerufen, sobald ich durchkam, sagten sie mir: nein, in Carbonia hat es nur einige male geschauert, aber nichts Ernstes. (Wobei wohl der Vergleich mit 2008 gezogen wurde, wo sie von Carbonia nicht nach Cagliari durchkamen und in Siliqua umkehren mussten, da sie vor lauter Schwärze die Strassenschilder nicht mehr lesen konnten.)
 
À proposito: Zyklon vs. Zyklone

Ein "ZYKLON" ist ein tropischer Wirbelsturm auf der östlichen Hemisphäre dieses Planeten wie z.B. im Südpazifik oder auch im Indischen Ozean.

Ähnliche Wettersysteme im Mittelmeer mit einem solchen Tropensturm-Charakter nennt man hingegen „MEDICANE“.

Das Tiefdruckgebiet „CLEOPATRA“ hatte aber nicht die Eigenschaften, die einen tropischen Sturm ausmachen wie z.B. systemische Konvektion und Windzirkulation sowie heftige Gewitter.

Insoweit war dies "nur" ein normales Tiefdruckgebiet – auch kurz: (eine) Zyklone genannt, mit einem „E“ hinten dran.
Die Begrifflichkeit: Zyklon im Gegensatz zu Zyklone wird deshalb allzu gerne verwechselt macht aber einen Riesenunterschied.

Eine Zyklone (kein Zyklon/Taifun) ist ein regionales Wettergeschehen - wie übrigens jeder normale Herbststurm - der aufgrund der Abkühlung zum Herbst/Winter hin auftreten kann.

Was natürlich und letztendlich nichts am zerstörerischen Ausmaß dieses heftigen Wettergeschehens ändert.
 
Hallo Georgie,

Unwetterphänomene aller couleur, Starkwinde, Hochwasser, starke Strömungen, Wellengang und Überschwemmungen sind hier keine Seltenheit. Kein Mensch geht hier aufs Meer ohne sich vorher fünffach bei allen möglichen Institutionen versichert zu haben, daß es gutes Wetter geben wird.

Die Scirocco- Tramontana- Grecale und Maestrale- Winde kündigen sich hier nicht einfach so an. Sie sind oftmals plötzlich mit Brachialgewalt da. Als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte ist High-Noon und es geht rund. Wir sind eine Insel im Mittelmeer und Atlantikwinde schießen über die Pyrenäen wie eine Abschussrampe angetrieben übers Land. Das ist der hiesige Herbst und Winter bis Anfang April.

Hier fahren aber keine Einsatzautos mit Megaphonen auf dem Dach und warnen vor herannahendem Unwetter. Wir sind eine kleine Gemeinde von 10 000 Einwohnern und betreuen 90 km Küste - das ist ein gewaltiges Unterfangen und ungefähr so, als würde sich ein Kuhkaff wie Niederempfingen sich um eine Strecke von Stuttgart nach Karlsruhe kümmern. Im Ort sind wir um diese Jahreszeit 8 Einwohner. Wir haben news-liveticker-meteo sardegna-windfinder minütlich aktualisiert.

Im Ernst: eine pillepalle Wetterstation von Conrad-Electronic warnt Dich akustisch über herannahendes Unwetter. Einen November mit 25 Grad im Schatten wie dieses Jahr und kurzen Hosen habe ich seit dem ich hier bin noch nicht erlebt. Wenn dann ein Atlantiktief mit "avec" über's Land braust, dann ist "cielo apriti" - "oh Himmel öffne Dich" !

By the way: die hats mir bei dem Regen völlig zerbröselt. Falls jemand ne Wetterstation mit Wind, Wasser und Hygrometer übrig hat oder mir eine vernünftige besorgen kann, wäre ich sehr dankbar.

Viele Grüße

Marco
 
Heute habe ich in der Bar gehört, daß die tödlich verunglückte Familie, in den nicht zur Wohnung freigegebenen Keller gezogen sei, weil sie dann ihre Zimmer im Haus vermieten konnten. Ob es stimmt kann ich natürlich nicht sagen, möglich wäre es aber wohl.

Tragisch ist es auf jedenfall.

LG

Dieter
 
Hallo Marco,

Kurze Hosen kann ich bestätigen, zwar nicht für November aber für den Oktober. Wir waren bis Ende Oktober auf Sardinien. Ich bin ewig im Meer geschwommen, keine Auskühlung oder Kältegefühl wie sonst um diese Zeit, Temperaturen teilweise bis an die 30 Grad im Schatten. Auch sind wir bis spät in die Nacht auf der Terrasse gesessen. Das war schon merkwürdig und außergewöhnlich. Ich kann das vergleichen, weil ich seit Jahren im Oktober auf Sardinien bin. Ich frage mich auch, ob dieses extreme Wetterleuchten am 7. Oktober, das ich in dem Album "Ein Naturerlebnis - Wetterleuchten im Oktober über dem Meer Ostküste" fotographisch festgehalten habe, schon ein Anzeichen für diese extreme Wetterlage war.

LG
Georgie
 
Zuletzt geändert:
Ja Georgie,

ist es. Seit 1974 habe ich noch nie so einen schönen, entspannten und warmen November gesehen. Ab Ende Oktober, Anfang November beginnen wir normalerweise einzuheizen und uns auf die windgeschützten Terrassen zurückzuziehen und Erntedankfeste, Selige, Heilige und Geburtstage zu feiern. Hochsommer waren mir bis dato im November unbekannt.

Den Knall den es getan hat, als vorgestern die Wassermassen den Hausbach heruntergedonnert sind, vergesse ich sicher mein Lebtag nicht mehr. Kawumm und dann rette sich wer kann.

Seit Jahren bitte ich meine Freunde nicht an diesem Bach zu bauen und was im Frühling ein entzückender Bach ist, ist im Winter eine unberechenbare Sintflut. Ich gehe da jetzt mit Sicherheit nicht hin und zeige mit erhobenem Zeigefinger, daß ich es ihnen angekündigt hatte. Die haben immer noch ihre Bankkredite abzubezahlen und warten auf die Genehmigungsverfahren via condono.

Was habe ich gebeten keine Mauern, Staudämme, Begradigungen, Abholzungen durchzuführen und Kanäle zu bauen. Im Haus bei uns hängen Gigantographien der Sturmfluten von 1962 und seit dem haben wir aufgeforstet, Terrassen gebaut, Abläufe regelmäßig freigeschaufelt und dafür gesorgt, daß der Mutterboden nicht ins Meer geschwemmt wird.

Hat alles perfekt gehalten.

Den Großeltern sei Dank.

Marco
 
... Ich frage mich auch, ob dieses extreme Wetterleuchten am 7. Oktober, das ich in dem Album "Ein Naturerlebnis - Wetterleuchten im Oktober über dem Meer Ostküste" fotographisch festgehalten habe, schon ein Anzeichen für diese extreme Wetterlage war.

LG
Georgie

Genau, Georgie, darüber habe ich in den letzten Tagen auch immer wieder nachgedacht. Ich habe ein solches Wetterleuchten vor Jahren mal auf Kreta erlebt und darauf folgten dann auch sintflutartige Regenfälle mit Überschwemmungen, so dass wir nicht mehr wussten, ob wir noch zum Flughafen kommen ...


@Sandokan :

Ich habe gestern auch irgendwo gelesen, dass bekannte Geologen schon seit Jahren warnen, weil in Olbia in Zonen gebaut wurde, die dafür eigentlich nicht vorgesehen waren oder zu nah an irgendwelchen Flüsschen und Bächen, die sich dann bei solch einem Wetter eben in reißende Fluten verwandeln. So etwas ist doch grob fahrlässing oder gibt es so was in Italien nicht? Dieselbe Diskussion gab es auch letztes Jahr nach den Überschwemmungen von Genua ... Aber : Keiner hat was daraus gelernt. Müssen erst Menschen sterben, damit Konsequenzen gezogen werden?

Ich finde das alles sehr schade.

LG - Barbara
 
@Georgie
@CiaoCiaoSardegna

jetzt wird's aber langsam überirdisch. Wie soll denn eine Wettererscheinung vom 7.10. (das sind 6 Wochen vorher) bereits schon ein Anzeichen für dieses extreme Wettergeschehen am 18.11. gewesen sein?

Wer einen solchen Blödsinn glaubt, der glaubt auch an Voodoo, Kaffeesatz- oder Kartenlesen oder ist bereits ein Kreationist.

Wetterleuchten bzw. die Ausprägung der Erscheinungsformen hängen von der Luftfeuchtigkeit,
der Ionisation der Luft und der Influenz ab.

Hier irgendeine Verbindung herstellen zu wollen ist sowas von spekulativ und an den Haaren herbeigezogen und entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis.
 
Zuletzt geändert:
Im Oktober waren die Temperaturen extrem, wie schon darüber geschrieben. Ich dachte mir damals als ich das Wetterleuchten erlebte, irgendwann knallt's mal richtig, wenn die extremen Temperaturen in den Herbst hinein so bleiben.
Mein Gedanke soll ja auch nicht als wissenschaftliche Erkenntnis verstanden werden, sondern als Gefühl von mir. Schön, dass wir nun wissen, wie Wetterleuchten entsteht und dass mein Gefühl Blödsinn ist. Gut dass wir darüber gesprochen haben, und bitte sei nicht so streng mit mir.;)
 
Wer einen solchen Blödsinn glaubt, der glaubt auch an Voodoo oder ist bereits ein Kreationist.


Das ist eine Unterstellung, die ich hiermit von mir weisen möchte.

... entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Erkenntnis.

Und nein, ich bin natürlich - genauso wie Georgie - keine Naturwissenschaftlerin. Von mir braucht ihr hier somit auch keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse zu erwarten.

@Georgie : Und nein, Gefühle sind niemals Blödsinn. Blöd ist nur, wenn man gar keine hat.
 
Beppe, ich kann das Video nicht öffnen, ich nehme aber an, es ist ein humoristisches Friedensangebot:)
 
Zuletzt geändert:
Dass die Protezione Civile nicht rechtzeitig gewarnt hätte, ist ein Märchen, genauer gesagt eine Lüge. Alle, die hier auf der Insel leben, wissen das.
Interessant: Viele Bürgermeister beschweren sich jetzt, sie würden zu oft allarmiert. Ja was nun - zu oft, zu spät, garnicht ... ?
Und dann behaupten sie, der Allarm hätte die Bürgermeisterämter erst erreicht, als diese schon geschlossen hätten. Das wäre eine unglaubliche Lachnummer angesichts der heutigen Kommunikationsmöglichkeiten --- wenn es nicht so viele Tote u. Sachschäden gegeben hätte.
 
Zuletzt geändert:
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