Der ganz normale Wahnsinn....

Yoshiham

Sehr aktives Mitglied
Kaum wieder auf Sardinien und der ganz normale Wahnsinn hat mich wieder.

Schaue morgens in unseren Hühnerpferch und siehe da, 2 tote Hühner und 2 tote Hähne liegen, halb aufgefressen auf der Erde. Ich denke mir, daß das ein Habicht war, denn ein Fuchs könnte nicht in die Abzäunung gelangen. Der Tagfängt gut an....

Unser Nachbar liegt seit Ostern im Krankenhaus von Alghero (Civile). Verdacht auf……….????
Ultraschall und Tomographie sind gemacht worden , Blut abgenommen. Bisher noch kein Ergebnis. Naja, sind ja auch erst drei Wochen her.

Also heute hin, ihn mal besuchen. Schnell noch ein Geschenk gekauft um dann um 11 Uhr im Krankenhaus zu sein. Wir wollen auf den Flur. Der ist per Schnappschloß von Innen zugesperrt. Auf die Frage hin, warum abgesperrt ist, die Antwort: "Es ist Visite". OK. Eine halbe Stunde später nachgefragt. Es ist immer noch Visite. Eine Stunde später nachgefragt…..genau, es ist immer noch Visite. Dann aber um 12,15 Uhr dürfen wir rein. „Unser“ Patient ist aber nicht in Zimmer 5. Er liegt mit 7 anderen Patienten in einem Raum. Also nachschauen und da sehen wir, der Flur hat einen kleinen Erker und dort sitzen etwa 10 Patienten vor ihrem Essen. Was soll ich sagen: Plastikgeschirr, Plastikbesteck!!!!! Was muß das für ein Müllberg sein, der hier anfällt.

Kaum, haben wir unseren Nachbarn gefunden und angesprochen, kommt eine Krankenschwester und treibt die Patienten an, sie sollen schneller essen, denn die anderen möchten auch noch essen. Das muß man sich mal auf der Zunge mal zergehen lassen. Da müssen die Patienten nach einander in dem kleinen Erker essen gehen.

Also heute, der ganz normale Wahnsinn……und der Tag ist noch nicht mal zu Ende……..
Ich weiß nur eins, wenn ich hier ins Krankenhaus kommen sollte, dann stelle ich mich tot, bis die Gefahr vorbei ist. * grins*

Nicht, daß ich hier falsch verstanden werde. Ich liebe Sardinien. Auch mit dem ganz normalen Wahnsinn. Mir geht es da, wie mit den Kindern und der Frau. Man(n) liebt sie, aber so manchmal……
Eben….

Hat noch Jemand solche „Wahnsinns“ Erlebnisse?

LG

Dieter
 
Ja manchmal,eben weniger....... lieber Dieter
Also ich kann nur sagen,daß ich mit den italienischen Krankenhäusern zufrieden bin.
Ich hatte das hier schon mal länger ausgeführt.
Was ich vergessen habe zu veröffentlichen" In MAGOMADAS sind heute Abend Cantine aperte"
Dort kann man den wein der Einheimischen probieren und sardischem Männergesang lauschen.
Bea2
 
Hallo Dieter

da hab ich jetzt geschmunzelt..Da werden Erinnerungen wach....:)

Ich war ein mal in Sassari und 1 mal in Tempio im Krankenhaus. Nix Gast .....sondern Patient. Die Idee mit dem Totstellen ist mir auch gekommen aber da half nichts..... Augen zu und durch. Das war ein Erlebniss. Da brauchst man kein Abenteuerurlaub mehr .:eek: Auch ich liebe mein Sardinien ,aber da war die Liebe mal kurzfristig erloschen ( Sie ist aber nach dem Schock schnell wieder erblüht).
Das war aber vor 17 Jahren . Vielleicht ist es ja besser jetzt wie Bea sagt. ( Ich hoffe ) Obwohl was so meine Verwandten so ab und zu erzählen bin ich mir da nicht so sicher..

Grüßle aus Südbaden mit heute 31° ( aber leider ohne Meer)

Astrid
 
Der ganz normale Wahnsinn,

Dieter, genasu das war das Stichwort, auf das ich gewartet habe. Gehen wir von Alghero nach Nuoro. Über das dortige Einwohnermeldeamt schrieb der Journalist V. Giovanni Bua am 8. 3. 2012 in der "La Nuova Sardegna".

Das Einwohnermeldeamt von Nuoro, Reich der "BUROPAZZIA"

Dieses Büro sichert 20 Kennkarten vormittags und 7 bei 2 Öffnungszeiten nachmittags zu. Wenn der eifrige Bürger diese Ankündigung liest, die vom (dirigente degli affari generali) Francesco Rosu unterschrieben ist, hat er noch nicht realisiert, dass er seinen 1. Tag im Erdgeschoss des Gemeindeamtes von Nuoro verloren hat.

Der 1. Tag. Um 9.30 Uhr hat er sich mit Frau und 3-jährigem Sohn eingefunden, um die Kennkarten zu erneuern, da eine Reise ansteht. Für das Kleinkind ist es die 1. Kennkarte. Das Büro ist seit kurzem geöffnet. Noch frisch u. hoffnungsvoll sucht der eifrige Bürger den Kasten mit den Nümmerchen (wie man sie in Supermärkten, Banken u. der Post seit 10 Jahren findet.) Da er ihn nicht findet, fragt er schüchtern: "Wer ist der letzte in der Schlange?" Alle starren ihn ungerührt an. "Sie müssen die Nr. beim Pförtner holen, am anderen Ende des Korridors."

Der Pförtner. Das Kind quengelt inzwischen, aber es sind ja nur wenige Meter. "Holt man hier die Nummern?" fragt der eifrige Bürger. Der Pförtner ist Profi und lacht nicht. "Die Nrn. sind seit einer Std. verteilt," erklärt er. Sie müssen morgen sehr früh kommen um eine zu erwischen. Wir geben nur 20 aus.

Der 1. Morgen ist vergangen aber der eifrige Bürger verliert den Mut nicht. "Und öffnet ihr Dienstag nachmittag?" Diesmal erscheint ein Lächeln auf dem Gesicht des Pförtners. "Es ist schwierig" (uno si deve sacrificare)", erklärt er. Für die 7 Nummern am Nachmittag muss man gegen halb 2 kommen. Wenn ich ankomme, wartet schon eine Schlange. Und nur die ersten 7 kommen dran. Ähem. Das Büro öffnet um 4.

Bürgermeisterversammlung. Ein 3-jähr. Kind im Korridor des Einwohnermeldeamtes von 1 bis 4 ruhig zu halten ist ausserhalb der Diskussion. Und darum beschliesst der eifrige Bürger morgen wiederzukommen. Mittwochmorgen ist er um 9 Uhr da. Der Pförtner entschuldigt sich: Die Nrn. sind schon ausgegangen. Normalerweise gibt es um diese Zeit noch welche, aber heute ist Bürgermeisterversammlung, da haben wir nur 10 verteilt. Der eifrige Bürger, inzwischen schon etwas verwundert, wird nächste Woche wiederkommem. 2 Arbeitsvormittage verloren reichen ihm.

Um 8.30. Montag ist er um 8.30 auf dem Amt. Verliert den 3. Arbeitstag. Zum Glück regnet es, deshalb gibt es noch Nummern. (Ein Stückchen Papier mit einer bleistiftgeschriebenen Nummer). Ab Nr. 12. Der eifrige Bürger, begleitet von Frau und Kind, wappnet sich mit Geduld u. Fantasie um etwas zu tun in den folgenden 3 Std. (1 Std. vor Öffnung und 88 Minuten bis er dran ist). Er will das Amt nicht verlassen um den Platz nicht zu verlieren u. richtet sich im Korridor ein. Endlich kommt der erwartete Moment.

Die beiden Nummern. "Ich brauche eine Kennkarte für mich und für das Kind". "Geben sie mir die beiden Nummern!" erwidert die Angestellte. Wieso 2 Nummern , fragt der Bürger. Resultat: eine Nummer für jede einzelne Kennkarte. Keine Verhandlung möglich. Grösste Konzession: den 20. Kunden abwarten und wenn dann noch Zeit übrig bleibt, schreibe ich noch 1 Kennkarte. Geschätzte weitere 56 Minuten. Motiv? "Das ist überall so".

Das ist überall so. In Wirklichkeit ist es nirgends so. 20 Kennkarten sind in der Tat eine lachhafte Produktion für eine Stadt mit 36 tausend Einwohnern. Mal angenommen alle Einw. wollten ihre Dokumente erneuern lassen, bräuchte das Büro gut 6 Jahre um alle aufzuarbeiten. Z. B. garantiert Sassari 120 KK täglich, 6 mal mehr mit fast 3 mal so vielen Einw.

Missorganisation. "Aber Sassari" meint die Angestellte, "hat 6 Schalter, Nuoro nur 1" Stimmt nur teilweise. S hat tatsächlich 6 Schalter, die dafür sorgen, dass dort schnell gearbeitet wird. Nuoro hat 1 Person für Zertifikatsausgeben, 1 für Wohnungsmeldungen und 1 für KK. Für geschätzte 8 Min. für 1 KK ist es einfach nicht denkbar, dass eine Angestellte mehr als 20 KK tägl. ausstellt. (2 Std. 40 Min. hintereinander arbeiten bei 3 Std. Öffnungszeiten des Büros). Aber nicht zu verstehen ist, warum es nur 1 Angestellte gibt. Oder beide Angestellte nicht beides erledigen können.

Büro-Wahnsinn oder Wahnsinnsbürokratie. Mal abgesehen von der defizitären Organisation der Arbeit u. der absurden vorgegebenen Grenze von 20 KK, gibt die Anwesenheit des Pförtners dem Ganzen einen Stich ins Surreale. Die Ausgabe der "bigliette", die ganz klar keine solchen sind, beginnt in der Tat Stunden vor der Öffnung der Schalter, tatsächlich verlängern sie die Schlange. Der eifrige Freund, der vorbeikommt um das biglietto zu holen, weil die comune viel Arbeit hat. Und ein normaler Mensch leidet unter den abstrusen nuoresischen Regeln, von denen er nichts weiss, geht in ein Büro wenn es öffnrt und nicht 2 Std. vorher. Auch die Angestellten sind die Leidtragenden dieser absurden Organisation, von ihnen wird verlangt, diese unnötigen und unverständlichen Regeln umzusetzen.

Protestieren ist sinnlos. Assessoren, dirigenti, alle rümpfen die Nase. Und dann bieten sie alle die gleiche Lösung an: Morgen, wenn Sie wollen, hole ich die Nummer für Sie, wenn ich zur Arbeit komme.Um des lieben Friedens willen denkt sich der eifrige Bürger , dass für ein Dokument dieses Durcheinander wohl nicht genügt und hoffnungsvoll nähert er sich das 1. mal dem Einwohnermeldeamt von Nuoro u. fragt: Wer ist der letzte in der Schlange?
 
Hallo Dieter[/quote],

ich, die ohne Bart, lag vor ca.2 Jahren in Olbia im KH. Der Blinddarm- appendice- wollte nicht mehr mitspielen. Nun ja nachmittags warten im Wartesaal, alles voll, emergenza's gab es auch.
Also gegen 20:00 kam ich erst mal dran, Untersuchung, Blutabnahme, wie früher , mit Schlauch abbinden am Arm,Fieber messen... Es gab nur 1 Thermometer unten im Notfall, oben nur Streifen, die sich verfärben. Gegen 1:30h ist mein Mann dann zum Quartier zurück gefahren, nach den Jungs zu sehen. Inzwischenist einem dann alles egal. Die OP verlieif gut, das Essen ist gewöhnungsbedürftig, meist kalt, außer die Suppe. Alle Türen bleiben immer offen, bei uns undenkbar, hab sie immer angelehnt, als ich wieder laufen konnte. Musste immer mit dem Tropf zur Toilette, Problem, den Tropf musst du selbst tragen, da an dem Ständer leider keine Rolle waren. Krafttraining inklusive.
Bis auf 1 Schwester waren alle nett, hab mein italienisch etwas trainiert mit meiner Bettnachbarin.
Zum Rückflug war ich pünktlich entlassen mit allen Papieren.

KH mal anders. Eben italienisch.
 
Bo-Ju, Yoshiham: Der ganz normale Wahnsinn auch in anderen Bereichen

Vom gleichen Author erschien 2011 ebenfalls ein interessanter Artikel in der La Nuova Sardegna, den ich hier mal auf die Schnelle kurz übersetzt habe:

Schockmeldung: Immer mehr arme Kinder auf der Insel

Giovanni Bua - in: La Nuova Sardegna vom 21. November 2011

Sassari. 8% haben kein Geld zum Essen und 17% kein Geld für Ärzte und/oder Medikamente. Mehr als die Hälfte können sich nicht einmal 1 Woche Urlaub im Jahr leisten. 86% Prozent haben zwar ein Profil auf Facebook, verlassen aber bereits eine weiterführende Schule im 1. Jahr. Es werden immer weniger, die nicht mehr studieren, sich weiterbilden oder arbeiten. Sie werden zwar alle im Durchschnitt ca. 10 cm größer als ihre Großeltern, aber sind durchwegs fast alle Einzelkinder.

Sie heissen David, Andrea, Julia oder auch Sofia und es gibt auch bereits die ersten Youssefs, Mohammeds und Saras. Letztere Gruppe ist die sozial schwächste Gruppe von allen, auch wenn wenig über sie gesprochen wird und wenn, dann oft nur unangemessen.

Es sind jene geheimnisvollen "Kinder", von denen so bewundernswerte Fotos - in aufwendigen Fotostudios geschossen - in den Räumen der "Vereinigung für Kinder und Jugendliche" hängen, namens: Save the Children. Die Organisation wurde in London im Jahre 1919 gegründet und - in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg angekommen – mit dem Ziel: Beistand und Ernährung von Kindern. Nach deren Bericht mit dem vielsagenden Titel:

"Atlas der (gefährdeten) Kinder"

(im Detail auf: http://www.savethechildren.it/IT/Tool/TagClouds?id_category=38 und auf http://atlante.savethechildren.it auch mit entsprechendem Eurostat Kartenmaterial), zeigt dieser eine Landkarte von Italien, welche ein geteiltes Land ausweist, voller Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Und inmitten auch diese Insel Sardinien, und wie bereits in vielen anderen Fällen, immer eher bei den Letzten als bei den Ersten.

"Das, was wir festellen - so Raffaella Milano, Direktorin des Italien-Europa-Programms von „Save the Children Italia“ - ist eine weitestgehende Verdrängung des Problems von Kindheit und Jugend in Italien. Es ist nicht nur eine Feststellung sondern eine Tatsache, dass wir - im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern - hier in Italien zur Zeit keinerlei sozial- oder familienpolitische Regelungen oder Eingreifwerkzeuge haben, die dem Problem der Kinderarmut und/oder des Schulabbruchs entgegenwirken, um im Interesse der Kinder, die im Süden aufwachsen entschieden einzugreifen und zu helfen und ein nationales Netzwerk mit sozialpolitischen Gegenaßnahmen für eine frühkindliche Erziehung und Lebenssicherung aufzubauen und sicherzustellen.

Nichts zu essen. Alles Probleme, die die Insel "hart treffen". Mit Daten und Zahlen, die von einem anderen Kontinent herüber zu kommen scheinen. Der Prozentsatz der Kinder, die in relativer Armut leben (z.B. eine Familie mit 2 Elternteilen und mit einem Gesamteinkommen von weniger als € 1.000) liegt auf Sardinien bei 27,1 Prozent (= 75.000 Familien) und damit an sechster Stelle in Italien nach den südlichen Regionen, gegenüber einem Durchschnitt in Gesamtitalien von 18,6 Prozent. Hierunter sind immerhin 8,9 Prozent (aggregierte Daten einschließlich Sizilien), die allergrößte Schwierigkeiten haben, überhaupt einmal alle 2 Tage eine richtige Mahlzeit zu sich nehmen zu können. Und 17 Prozent sagten, dass sie "kein Geld für die medizinische Versorgung mindestens einmal in den letzten zwölf Monaten zur Verfügung hatten". Bemerkenswert auch eine weitere Tatsache: Trotz Meer und Strände im Überfluss: 58,5 Prozent der Kinder haben nicht einmal 1 Woche Urlaub im Jahr. (Schlechtere Zahlen als in Sardinien gibt es nur noch für Kalabrien und Sizilien).

Keine Schule. Die Schulabbrecherzahlen sind zwar leicht rückläufig, aber nichtsdestotrotz immer noch hochdramatisch. Sardinien hat zwar mittlerweile den 1. Platz der italienischen Schulabbrecherquote (an Sizilien) verloren, verliert aber nach wie vor 23,9 Prozent der Jungen zwischen 18 und 24, die die Schule vorzeitig verlassen. Und weitere 16,7 Prozent verlassen bereits im ersten Jahr irgendeine weiterführende Schule. Sardinien kommt direkt an 2. Stelle nach Bozen, wo die Jungs alles hinschmeissen nur um arbeiten zu gehen.

Sardinien ist auch mit der Anzahl der Sitzenbleiber und Klassenwiederholer mit unschlagbaren 14,7 Prozent an erster Stelle in Italien. Dies ist exakt doppelt so hoch wie der italienische Durchschnitt und immerhin noch 4 Prozentpunkte höher als der Klassenzweite, dem Aosta-Tal. Ergebnis: einer von vier Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren ist ein "Nett", ein Akronym für jemanden, der weder in Ausbildung, Beschäftigung oder Beruf steht. Kurzum: Keine Schule, keine Ausbildung, keine Arbeit. Einfach ein Nichts - in der Provinz Olbia-Tempio und Sassari betrifft dies immerhin zwischen 28,4 und 37 Prozent der Heranwachsenden und in anderen Provinzen der Insel ebenfalls zwischen 20 und 28 Prozent.

Immer weniger. Angesichts der Schwierigkeiten in der Erziehung ihrer Kinder ist es nicht überraschend, dass wir Sardinien noch auf einem weiteren letzten Platz in Italien sehen: die durchschnittliche Personenanzahl eines Haushaltes beträgt: 2,42. Ein demographischer und reproduktionstechnischer Zusammenbruch, der auch nicht dadurch abgemildert wird, dass - wie in anderen Regionen - auch ausländische Kinder auf der Insel geboren werden. Trotz des Zuzuganstiegs in den letzten Jahren (mit 0,3 Prozent von 1993 bis 2,8 in 2009) bleiben nur sehr wenige auf der Insel (und auch hierbei bildet Sardinien das Schlußlicht im gesamtitalienischen Vergleich) – der immerhin bei 13,4 % "Bleibern" liegt.

Unzulänglichkeit. Kurz und bündig: Immer weniger und immer ärmer und immer unwissender. "Die Daten sind leider eindeutig" so Raffaella Milano. "Es gibt einen freien Fall aufgrund der messbaren relativen Parameter in Bezug auf das Wohl und der Ausbildung der Kinder und dies ist so offensichtlich und eindeutig, dass man mit diesen Erkenntnissen und Einsichten diesem Phänomen entschieden entgegentreten könnte".

Unwissenheit und Erkenntnisleere in einem Land, wo wir alles über jeden wissen, aber seit 2002 werden nicht einmal mehr offizielle Daten über Kinderarbeit gesammelt, geschweige denn veröffentlicht.

Visionsleere auch im Regierungsapparat, der das Schulsystem demontiert und sterben lässt.
Strategieleere mit verwirrenden Übertragungen von Kompetenzen an die Regionen und an deren Sozialhilfe, die die Ungleichheiten nur noch drastisch erhöhen.
Leere auch bei der politischen Aufklärungsarbeit, die dazu beitragen könnte, den verwirrten und unverständigen Erwachsenen die Enttäuschung und Wut einer Generation erklären zu können. Einzig und allein ist alles nur mit Trauer und Leid derjenigen angefüllt, die zwar nichts zu entscheiden haben, aber letztendlich immer für alles bezahlen müssen.


Weitere Infos zur Kinderarmut und zum prekariativem Heranwachsen in "Süd"-Italien auch auf:

http://www.crescerealsud.it
http://www.savethechildren.it

Kartenpläne mit den verschiedensten regionalen Verteilungen auf:
http://atlante.savethechildren.it/
 
Fahre heute in die Stadt Alghero. Richtig „sardisch angepaßt“, mit 90km/h auf einer mit 50km/h und Überholverbot ausgezeichneten Straße.Werde doch prompt vor einer Kurve überholt. Das ist ja nichts Ungewöhnliches. Passiert ja hier ständig. Aber ein Blick in das überholende Fahrzeug läßt mich erschrecken. Eine junge Mutti am Steuer und vorne stehend, das Gesicht an die Windschutzscheibe pressend, ein ca. 3 – 4 Jahre altes Kind. Das nennt man dann mediterrane Gelassenheit. „Platz da, jetzt komm ich!“

In Alghero angekommen, fahre ich an parkenden Autos vorbei. Mir kommt ein Auto entgegen, das ein parkendes Auto überholt. Also für beide Fahrzeuge wird es eng. Da reißt doch, wieder eine junge Mutter, die Hintertür ihres Wagens auf und zerrt ihr Kind (ca. 2 – 3 Jahre alt) aus dem Auto. Nein, nicht zur Bürgersteigseite sondern zur engen Verkehrsseite hin, raus. Wir beiden Fahrer voll auf die Eisen. Also geht`s noch? ….und das in einem Land, das sich kinderlieb nennt???? Ich nenne das hirnlos. Tut mir leid.

Beppe, vielleicht erklärt das auch den Umstand, daß es hier nicht (mehr) so viele Kinder gibt????

Also der ganz normale Wahnsinn..

Einen schönen Restsonntag noch Euch allen.

LG

Dieter
 
Au weia, Beppe und Dieter,

Jetzt gehts ans Eingemachte. Was ich eigentlich unter dem Teppich halten wollte um Touristen nicht zu erschrecken. Aber irgendwann kann man nicht mehr darüber wegsehen, dass Sardinien z.B. die höchste Selbstmordrate aller italienischen Provinzen hat, und auf der Insel die meisten Verhütungsmittel verkauft werden, eben, damit keine Kinder mehr geboren werden können. Sie sind einfach nicht mehr bezahlbar.

Mich macht es schier krank, das und die allgegenwärtige Unwissenheit mitansehen zu müssen ohne sie ändern zu können. Und vielleicht war das in meinem Unterbewusstsein auch der Grund, mich nicht endgültig in Sardinien niederzulassen.

Und mein "gefällt mir" button gilt weniger dem Inhalt eurer Beiträge als dem Mut, den ihr damit beweist, dass ihr sie überhaupt schreibt. LG Ju
 
uff,
bo-ju und dieter und beppe,

was ihr da gestern alles enthüllendes reingesetzt habt, hat mich noch nachts ziemlich erschüttert und schwer verdauen lassen...und vor allem
auch deshalb, weil ich quasi parallel dazu die wunderschönen fotos von "eilike" nach und nach runtergeladen habe !!!

....und somit wird das bild von sardinien in seinen extremen 2 seiten - des absolut paradiesischen und andrerseits der (für viele von uns bestenfalls nur erahnbaren) not und des missstands so krass und überdeutlich....

ich habe das gefühl, dass die ganze widersprüchlichkeit, die italien sowieso in sich trägt und die ja auch auf ihre art etwas faszinierendes immer gewesen ist, jetzt und hier in sardinien noch viel mehr ausgeprägt ist - dass die schere immer weiter auseinanderklafft ! und das ist
hauptsächlich beunruhigend...
aber nichts destotrotz gibts hier einfach ALLES - und das ist vielleicht dann "der ganz normale wahnsinn"

danke euch für die erweiterung meines horizonts....
oya
 
Ich lebe hier auf Sardinien und erlebe immer wieder, das wie in den 60igern die jungen Leute ins Ausland oder auf's Festland gehen
um zu arbeiten.
Mein Neffe ist 14 und wird dieses Schuljahr wiederholen,kein Bock auf Schule lieber mit dem Onkel in's Land.
Und keiner sagt was:( ich habe eigendlich einen guten Draht zu meinem Neffen, aber leider stoßen meine Argumente,
wie wichtig gerade in der heutigen Zeit eine gute Schulausbildung ist auf taube Ohren.
Und ich sehe viele die die gleiche entwicklung durchmachen....leider.
Was allerdings auch schlimm ist das hier die gesamten Schulbücher von den Eltern gekauft werden müßen,
denn bei vielen reicht auch dafür das Geld nicht.
Leider ist hier nicht alles schön....

LG Manuela
 
Hallo Oy,

es liegt uns fern, Dir oder anderen Angst einzujagen. Aber wie eben alles im Leben, hat alles seine zwei Seiten.

Sardinien ist und bleibt schön, mit allen Unzulänglichkeiten.

LG

Dieter
 
hallo dieter,

danke und ja genau, das wars eigentlich genau, was ich dann auch im endeffekt meine !
sardinien ist und bleibt WUNDERSCHÖN ......

...und alghero sowieso ;))

ciao aus luogosanto (auch NW)

oya
 
Hallo Oy,

es liegt uns fern, Dir oder anderen Angst einzujagen. Aber wie eben alles im Leben, hat alles seine zwei Seiten.

Sardinien ist und bleibt schön, mit allen Unzulänglichkeiten.

LG

Dieter
Auch wenn ich geschrieben habe "leider ist nicht alles schön..."so muß ich doch sagen ich würde nie zurückkehren nach Deutschland.Aber was du schreibst,dem stimme ich vollkommen zu :):):)
LG Manuela
 
Ciao,

das macht sehr nachdenklich, was ihr da schreibt. Das ist das Sardinien, das man als "normaler" Tourist halt nicht zu Gesicht bekommt. Gott sei Dank, sonst könnte man ja seinen Urlaub nicht genießen und Sardinien auch weiterhin als paradiesisch empfinden. Junge Sarden, die aus ihrem Leben etwas machen wollen, haben doch dann praktisch keine andere Wahl, als der Insel den Rücken zu kehren, auf dem Festland oder im Ausland zu arbeiten und nur noch in den Ferien auf ihre Heimatinsel zurückzukehren.

LG - Barbara
 
Hallo,

vielen Dank für diese offenen, bewegenden und sehr nachdenklich machenden Berichte. Wir vergessen wahrscheinlich im Rausch der Schönheit dieser Insel und in unserem Urlaubsgefühl, dass wir in einer Region Urlaub machen, die zu den Armenhäusern Europas gehört. Und natürlich sind es immer die Kinder und Jugendlichen, die als erstes und am meisten drunter leiden. Das Nord-Süd-Gefälle in Italien war schon immer groß, weitet sich durch die Krise aus und macht eben auch vor dem Paradies nicht Halt. Aber davor möchte ich nicht die Augen verschließen und ganz ehrlich: eine Aussage wie "da könnten wir unseren Urlaub nicht genießen" die stößt mir schon ein bissel auf! Bitte nicht falsch verstehen, Barbara, aber die Formulierung finde ich unglücklich. Ich will keinen Urlaub im "Heile-Welt-und-Leben-im-Überfluss-Ghetto", wie ihn manche Leute gerne in afrikanischen oder asiatischen Ländern machen: nur nix mitkriegen von der Armut da draussen, schließlich hat man ein ganzes Jahr auf den Urlaub gespart und den sollen solche Eindrücke nicht trüben. Nein, das ist nicht meins! Ich trage mein Geld auf die Insel, in der Hoffnung, damit wenigsten ein bisschen was zur Verbesserung der Lebenssituation beizutragen. Ob mir dies gelingt...? Ich weiß es nicht.

Von meinem sizilianischen Bekannten kenne ich diese Erfahrungen. Er würde eigentlich gerne zurück, sieht aber mit seinen 26 Jahren dort nach wie vor keine Zukunft für sich. Und leider scheint sich dieser Trend nach Norden fortzusetzen, denn mittlerweile berichten dies auch Bekannte, die ursprünglich aus den Abruzzen oder Latium kommen. Rückkehr derzeit ausgeschlossen...keine Chance auf einen Job.

Dieters Schilderung, was den Transport von kids im Auto betrifft, kann ich aus eigener Beobachtung bestätigen. Wir hatten in den ersten Jahren auf Sardinien ein Ferienhaus gegenüber eines Kindergartens und konnten regelmässig das Bringen und Holen der Knirpse beobachten. Auch wir waren immer wieder erstaunt, wenn aus dem Fond eines Panda 5 Kinder purzelten, einige auf Mamas Schoß am Steuer saßen, stehend ihren Kopf aus dem geöffneten Schiebedach reckten...Anschnallen oder gar Kindersitz??? Völlig überbewertet! Überflüssig zu erwähnen, dass auch das Tempolimit mit Hinweis auf den Kindergarten nur ein paar wenige (Touris?) interessiert hat...

..aber wie schon gesagt...es ist und bleibt dennoch ein wunderschöner Flecken dieser Erde!
 
... Aber davor möchte ich nicht die Augen verschließen und ganz ehrlich: eine Aussage wie "da könnten wir unseren Urlaub nicht genießen" die stößt mir schon ein bissel auf! Bitte nicht falsch verstehen, Barbara, aber die Formulierung finde ich unglücklich. Ich will keinen Urlaub im "Heile-Welt-und-Leben-im-Überfluss-Ghetto", wie ihn manche Leute gerne in afrikanischen oder asiatischen Ländern machen: nur nix mitkriegen von der Armut da draussen, schließlich hat man ein ganzes Jahr auf den Urlaub gespart und den sollen solche Eindrücke nicht trüben. Nein, das ist nicht meins! Ich trage mein Geld auf die Insel, in der Hoffnung, damit wenigsten ein bisschen was zur Verbesserung der Lebenssituation beizutragen.

Sorry, ich wollte nicht, dass du dich an meiner Aussage verschluckst! Natürlich will ich nicht die Augen vor der Realität verschließen, sonst hätte ich diesen Thread wohl erst gar nicht gelesen und darauf geantwortet. Und "Heile-Welt-und-Leben-im-Überfluss-Ghettos" habe ich bisher immer gemieden. Ich kenne sie aber aus meiner Arbeit in der Touristikbranche und sage nur NEIN DANKE.

Ja, ich denke, auch wir tragen unser Geld auf diese Insel und tragen damit ein bisschen zur Verbesserung der dortigen Lebenssituation bei. Und ich muss mir doch dann im Urlaub nicht jeden Tag Gedanken über die desolate Situation Italiens / Sardiniens machen, oder?

LG - Barbara
 
Hallo Barbara,

nein, das müssen wir natürlich nicht ;)! Vielleicht geht man ein bißchen anders an den Urlaub ran, achtet auf andere Dinge und versteht auch manches besser, wenn man solche Hintergrundinfos hat. Ohne sich dabei aber das Hirn über das Elend der Welt zu zermartern.
 
wichtig ist doch, dass man sich hier auf der Insel seinen eigenen, schönen "Mikrokosmos" schafft, trotz des ganz normalen sardischen Wahnsinns, der einen immer wieder den Kopf schütteln lässt... Aber Fakt ist, woanders (z.B. auch in meiner alten Heimat Deutschland) ist der Wahnsinn -so wie ich's zumindest empfinde- mittlerweile derat "ANNORMAL" geworden, dass ich dann doch lieber hier lebe...
 
Danke! Schön, dass ich diesen bereich hier auch gefunden habe. Ich dachte schon, Sardinien wäre zu überirdisch glatt und makelllos. Beruhigend zu lesen, dass auch diese Insel Normale Seiten hat ... und auch hässliche. Eine Insel mit Sorgen und Kummer, mit schwachsinnigen Regeln und dennoch kann ich überall hier im Forum Eure Liebe zu dem Fleckchen Land spüren.

Ich freue mich jetzt umso mehr auf meine Reise und werde meine Augen auf machen. Ich will doch nicht nur türkises Wasser sehen, sondern das Leben dort begreifen und fühlen. Und dann ist alles auch eine Frage der Betrachtung: Die Behörden. Hmmm... soll ich mal sagen, wieviel Zeit ich hier am Telefon in versuchten Kontakt mit hochmodernen Callcentern bin? Wie oft ich höre: "Der Computer sagt mir das aber so. Er nimmt nichts anderes an." Der Pförtner bei Euch ist wenigstens noch ein Mensch. Als ich letztes Jahr mein Auto von Berlin nach Potsdam ummelden wollte, war ich 4 x da!!! Ich bekam auch noch eine Strafe, wegen Fristversäumung. Im Krankenhaus war meine Schwester gerade. Gruselig. Sie haben nicht herausgefunden, was es ist und das Essen war so jenseits aller modernen Ernährungsrichtlinien, dass man lieber in einem Shop einen abgepackten Salat kauft. Die Post kommt Montags hier grundsätzlich nicht. Wahrscheinlich Sparmaßnahmen. Unser Flughafen Berlin-Brandenburg wird wahrscheinlich nie eröffnet. Das Finanzamt schickt seine Raubritter immer schneller los, in Berlin gibt es immer mehr arme, aber sehr dicke Kinder. Und wir haben hier keine Bidets! .... und trotzdem ist alles ganz ok. ;-) Aber ich sage immer: "Deutschland ist das neue Italien!"

Und dann erinnere ich mich daran, wie ich einge Jahre in Italien gelebt habe. In der Schule waren wirklich, wirklich arme Kinder. Die kamen immer mit rasiertem Schädel wegen der Läuse. ich war fast 3 Monate in einem krankenhaus. Ein ehemaliges Kloster mit Nonnen als Krankenschwestern. Ungefähr 30kinder inkl. Babys in einem Saal. Die Eltern kampierten dann auch gleich dort. Alle, außer meine deutschen Eltern. Deswegen fühlte ich mich benachteiligt. :) Und dann die Autofahrten, Italien-Deutschland. 3 Kinder unangeschnallt im alten Kombi. Einer musste immer ins Heck zu den Koffern. Hei, wir haben das überlebt. Jetzt finde ich das auch schlimm, wenn ich Kinder so ungeschützt im Auto sehe. Aber das ist meine Sichtweise, mein Wissenstand, meine Wahrnehmung... die kann ich nicht der Welt überstülpen, sondern nur sanft vorleben. Einen schönen Abend wünsche ich Euch vom Rand der zivilisierten Metropole Berlin.
 
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