Banditen von Orgosolo sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

bo-ju

Sehr aktives Mitglied
Wer erinnert sich noch an Graziano Mesina (Grazianeddu), der in der Mitte des 20.Jahrhunderts sein mörderisches Unwesen trieb in Orgosolo?

Wen es interessiert, der lese:
Die Banditen von Orgosolo von Franco Cagnetta.

Inzwischen hat er 40 Jahre Gefängnis auf dem Kontinent hinter sich und ist zurückgekehrt nach Sardinien.

Dort hat er nun eine Klage eingereicht, um seine geleistete Arbeit im Gefängnis (Lederbälle nähen) anerkannt zu bekommen, vielleicht sogar den Lohn ausbezahlt zu bekommen, damit er den Anspruch auf Versicherung und infolgedessen eine kleine Pension ausbezahlt bekommen kann.Um "in Würde" leben zu können.

Wie immer das ausgehen mag, das Interessanteste sind in meinen Augen die Kommentare seiner Landsleute, die von mangelnder Würde, mangelndem Stolz, bis hin zu : er sollte eigentlich dem Gefängnis noch was zahlen für Kost und Logis, alles abdecken.


@ HansP1,

Erinnerst du dich an unser Gespräch in Oberfranken? Wenn du obengenanntes Buch liest, wirst du verstehen, was ich gemeint habe. Canetta kann es nur viel besser erklären, diese 2-Klassengesellschaft, die sich auch heute noch untereinander bekämpft. Warum Autos jede Nacht irgendwo brennen, warum Schafe auf der Weide abgeschlachtet und Pferde in ihren Ställen erschossen werden.

Sicher, heute gibt es das moderne Leben, Computer , viele technische Neuerungen, es hat sich wirklich vieles verändert, aber in der Barbagia hats immer noch unterschwellig die alten Traditionen. Hirten leiden immer noch unter der Willkür der Reichen, der Begriff des "Servo pastore" geistert heute noch durch die Medien. (Wenn auch inzwischen schon aus Osteuropa stammend) Und dann kommt ein alternder Bandit und verlangt vom Staat unterhalten zu werden. Seine Opfer damals wollten sicher auch gerne in Würde leben. Pardon, aber das halte ich im Kopf nicht aus. Vor allem, wenn einer so gesund und wohlgenährt ausschaut wie auf dem Zeitungsfoto.

Antworten hierauf müssen nicht unbedingt sein, ich musste nur mal Dampf ablassen. Und sardonisches Gelächter. Ju
 
durch die straftaten mesinas habe ich ende der 60er jahre zum ersten mal von sardinien gehört und erinnere, dass in meiner umgebung die einhellige meinung bestand, für solche täter käme nur die todesstrafe oder lebenslange haft in frage.

ich weiß nichts über das italienische strafrecht, aber in deutschland ist das ziel der strafhaft schon lange nicht mehr vergeltung oder rache sondern resozialisierung und prävention. und natürlich haben auch strafgefangene menschenrechte, zu denen auch das recht auf angemessene bezahlung geleisteter arbeit gehört.
tja, auch wenn es mich bei derartigen greueltaten oft ganz archaisch nach rache gelüstet und es sich über die chancen für resozialisierung immer gut streiten lässt, halte ich wenig von "auge um auge ..."

oh ju, da hast du aber ein fass aufgemacht.
 
Daisy,

Ein Fass wollte ich eigentlich garnicht aufmachen. Ich habe nur nach Lesen der Zeitungsnachricht mein altes Banditenbuch rausgekramt, was ich seit 50 Jahren nicht mehr in der Hand hatte und früher nicht richtig verstanden hatte. Mir sind dabei schlagartig etliche Lichter aufgegangen, warum heute noch in Sardinien vieles anders läuft als wir es gewohnt sind. Und habe mir vorgenommen, mich nicht mehr darüber aufzuregen, da sinnlos.
 
Genau 5 Jahre sind vergangen. Da lese ich in der Frankfurter Allgemeinen vom 30 März folgendes, dem ich die Überschrift geben will:

"Die Banditen von Orgosolo anno 2017"

Enzo Ferraris Leichnam sollte gestohlen werden.
Carabinieri der italienischen Anti-Mafia-Einheit haben am Mittwoch 34 Verdächtige von der Insel Sardinien und aus allen Regionen Nortitaliens festgenommen. Das weitverzweigte Netz von Kriminellen wollte unter anderem den Leichnam von Ferrari-Gründer und Rennfahrer Enzo Ferrari stehlen, um danach von der Familie Lösegeld zu erpressen.
Die Planungen für die Tat waren schon weit gediehen. Ein vorbestrafter Mann aus dem sardischen Ort Orgosolo mit Wohnsitz Parma hatte bereits mit Komplizen den Friedhof von San Cataldo in Modena aufgesucht, wo der Sarg in einer Kapelle hinter einer Marmorplatte in einer Gruft aufbewahrt wird, die mit einem schweren Metallgitter verschlossen ist. Die Täter wollten offenbar im Schutz der Nacht mit zwei Autos und einem Möbelwagen anrücken, in die Kapelle einbrechen, das Metallgitter zerschneiden und den Sarg in ein Versteck in den Bergen des Appennin bringen lassen. Danach sollte eine dritte Gruppe von Piero Ferrari, dem Sohn des 1988 im Alter von 90 Jahren verstorbenen Gründers, Lösegeld erpressen.
Die Entführung von Leichen zur Erpressung von Lösegeld hat eine gewisse Tradition. Besonders dramatisch war der Diebstehl der Leiche von Raffaele Bagni, dem Sohn des ehemaloigen Fußballstars Salvatore Bagni, im Jahr 1992. Raffaele Bagni war kurz zuvor im Alter von 3 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In der Schweiz stahlen 2 Männer 1978 den Sarg Charlie Chaplins, um Lösegeld zu erpressen. Die Täter wurden jedoch gefasst u. Chaplins sterbliche Überreste wurden wieder bestattet.
Im aktuellen Fall hatte die Polizei schon seit dem vorvergangenen Winter Gespräche der Täter abgehört. Der zu 30 Jahren Haft verurteilte Bandenchef Graziano Mesina hatte die Polizei durch seine Kontakte aus der Zelle auf die Spur gebrcht. Von Anfang an sei klar gewesen, dass die Bande, die eigentlich auf den Handel mit Waffen, Rauschgift u. gestohlenen Kunstgegenständen spezialisiert ist, dieses Mal den Plan verfolgte, Ferraris Leichnam zu stehlen, sagte Carabinieri-Oberst Saverio Ceglie am Mittwoch. Die Ermittler hätten gewusst, dass der 47 Jahre alte Giovanni Antonio Mereu aus Orgosolo die Täter anführen würde, Die Familie Ferrari sei von Anfang an in Kenntnis gesetzt worden.

Was steht in weiteren 5 Jahren in den Zeitungen?
 
Dann verdient Herr Mesina jetzt als Tippgeber und nicht mit dem Nähen von Lederbällen sein Geld......?!?
 
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