Schutz der sardischen u. katalanischen Sprache
Der römische Ministerrat hat ein Gesetzesdekret erlassen, wonach die adminstrativen Maßnahmen zum Schutz der sardischen u. katalanischen Sprache u. Kultur auf die Region übertragen werden. Außerdem sollen dafür finanzielle Mittel bereitgestellt werden. (La Nuova", 4. Dez. 2015). Hier der Link:
http://lanuovasardegna.gelocal.it/r...andato-alla-regione-1.12560605?ref=hfnsssbr-4

Die dort zu findende Karte mit der Verteilung der Sprachen auf der Insel ist übrigens völlig unzulänglich. Diese großen, geschlossenen u. klar abgegrenzten Sprachgebiete gibt es in der Form nicht, den Sprachenatlas muss man sich vielmehr wie einen Flickenteppich vorstellen. Außerdem wird auf Sardinien nicht "corso" gesprochen, sondern "gallurese", welches viel mit dem Korsischen gemein hat (oder umgekehrt), aber eine andere Varietät der gallo-italienischen Sprachenfamilie darstellt.

Zur Erinnerung: „Die Republik schützt mit geeigneten Normen die sprachlichen Minderheiten“, so steht es im Artikel 6 der italienischen Verfassung von 1946. Aber erst 1999 trat auf nationaler Ebene ein Gesetz in Kraft, welches erstmals die Rechte der „historischen sprachlichen Minderheiten“ regelt (Gesetz Nr. 482 „Norme in materia di tutela delle minoranze linguistiche storiche“ vom 15.12.1999). Es sieht Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung von Sprache und Kultur der Minderheiten vor, darunter Unterricht in den Minderheitensprachen im Bildungssystem (vom Kindergarten bis zur Universität), Gebrauch der Sprachen in öffentlichen Institutionen sowie fakultative Projekte seitens der Regionen, Provinzen und Kommunen zur Förderung der Minderheiten im Kultur- und Medienbereich. Die Umsetzung des Gesetzes lässt in vielen Regionen noch immer auf sich warten, so auch auf Sardinien.

Das Gesetz Nr. 482 bezieht sich allerdings nur auf 12 der rund 20 sprachlichen Minderheiten Italiens. Nicht berücksichtigt sind u.a. Juden, Sinti und Roma sowie die auf den Sardinien vorgelagerten Inseln San Pietro u. Sant’Antioco lebende Minderheit der „Tabarchini“.

Die Zahl der Sprecher des Sardischen u. Katalanischen kann nur geschätzt werden. Nach Erhebungen deutscher u. spanischer Romanisten wird davon ausgegangen, dass auf Sardinien rund 1.400.000 Menschen im Alltag noch Sardisch sprechen, und um 20.000 noch Katalanisch, vornehmlich im Raum Alghero.

Günther
 
Zuletzt geändert:
C

CiaoCiaoSardegna

Gast
Sehr interessant! Vielen Dank für die Info @Su Corvu / Günther!

Die "Tabarchini" waren dann wohl aus dem tunesischen Tabarka eingewandert, oder? Sprechen die dann einen arabisch-italienischen Dialekt oder wie muss man sich das vorstellen?

LG - Barbara
 

Yoshiham

Sehr aktives Mitglied
Danke, Günther, für die Information.

Alle Sprachen kann man in KEINEM Land garantieren. Wie soll das gehen? Aber hier sardisch und katalanisch dürfte/müßte gehen. In Alghero wird auch auf katalanisch unterrichtet.
 
Dieter,

dass in Alghero auch auf katalanisch unterichtet wird, wusste ich nicht. Ich hatte nur einmal von gemeinsamen sard.-katalan. Schulbuchprojekten gehört.
 

Bea2

Sehr aktives Mitglied
Also ich finde es immer wieder toll, wenn ich hier in Magomadas, im Dorf sehe, dass die Kinder ganz natürlich Sardische sprechen.
Ich komme aus Niedersachsen, da spricht kein Kind mehr Plattdeutsch, es sei denn es kommt von einem Bauernhof,
aber vielleicht liegt es auch daran,dass wir seit vielen Jahren schon "vermischt" sind.
Meine Eltern aus Thüringen und Sachsen Anhalt, nach Niedersachsen geflüchtet, haben am Tisch mit mit Hochdeutsch gesprochen.
meine Tante im Bäckereiladen hat mit den Kunden Platt gesprochen.
Ich verstehe es aber spreche es nicht.

Bea2
 

bonzinib60

Sehr aktives Mitglied
Diese Sprachen sterben aus, das kann niemand verhindern...
Ich lebe hier auf der Deutsch-Französischen Grenze. Auf französischer Seite haben vor 50 Jahren alle Platt geredet (also Rheinfränkisch). Deren Kinder haben es verstanden, mit ihren eigenen Kindern aber nicht mehr geredet. Ergebnis: kein Mensch <20 Jahre, kann noch ein Wort. Die Sprache ist tot. Da kann man jetzt noch so viel Geld reinstecken, wie man will...
Unsere Nachbarn in Budoni berichten über ihre Kinder genau das Gleiche. Eltern sprechen sardisch untereinander, Kinder schauen italienisches Fernsehen und finden sardisch doof...

Alles sehr schade....
 

Bea2

Sehr aktives Mitglied
Das ist bei uns nicht so, die Kinder können alle noch Sardisch, wie ich schon geschrieben habe.

Welches Geld, soll investiert werden?

Unser Chor unser Gruppo Folk in beiden bin ich Mitglied, vor ca, 3 Jahren würde unser Engagement noch von der Commune und Region unterstützt.
Es wir immer schwierige Geld von irgendjemanden zu bekommen.Die Kassen sind LEER !
Wir schützen auch das sardische Kulturgut.

Bea2
 
Hallo Barbara,

von den "Tabarkini" (mit "k" ist die sardische Schreibweise) habe ich zum ersten Mal von einem Kollegen aus Sassari erfahren. Die Tabarkini sind die Nachfahren genuesischer Fischer, die im 15. Jh. auf die damals zu Genua gehörende Insel Tabarca vor der Küste Tunesiens ausgewandert sind. Anfang des 18. Jh. mussten diese Fischer vor tunesischen Piraten flüchten u. fanden ein neues Zuhause auf der Insel San Pietro. Aus Archiven weiß man, dass sich damals 126 Familien mit insgesamt 473 Personen auf San Pietro (u. später auch auf Sant'Antioco) niederließen. Nach der Literatur sprechen sie noch heute ihren alten genuesischen Dialekt, der sich wohl auch wegen der Insellage erhalten hat. Auf nationaler Ebene sind die Tabarkini nicht als sprachlich-kulturelle Minderheit anerkannt, aber ein Gesetz der Autonomen Region Sardinien von 1997 (secondo articolo della Legge Regionale dell'11 settembre 1997 della Regione Autonoma della Sardegna) hat die Förderung ihrer Sprache u. Kultur zum Ziel erklärt.

Günther
 
Zuletzt geändert:

Bea2

Sehr aktives Mitglied
Wir haben in der Thunfischfabrik bei ANDREA auf San Pietro gegessen.
Die haben mir ihren einheimischen Gästen und untereinander in "ihrer Sprache" gesprochen.

Bea2
 
Meine Beobachtungen sind etwas anders als die von Bonzinib. In den Dörfern u. Kleinstädten unserer Gegend (der Baronia) sprechen fast alle Kinder neben Italienisch auch Sardisch (Logudorese). In Budoni wird überwiegend Gallurese, aber auch Logudorese gesprochen, auch von vielen Kindern u. Jugendlichen, insbesondere in den Ortsteilen, z.b. in Tamarispa u. S. Lorenzo, unsern Nachbardörfern.

In den Großstädten sieht es anders aus. Die StudentInnen, die ich in Sassari kennengelernt habe, sprachen auch untereinander Italienisch u. nicht Sassarese, das sei "die Sprache der Straße", hätten ihnen ihre Eltern beigebracht. In der vornehmlich von Arbeitern besuchten Bar bei mir um die Ecke sprach man Gallurese. Es ist also auch eine Frage der Schichtzugehörigkeit, ob Sardisch in einer seiner Varietäten im Alltag gesprochen wird.

Nach den mir bekannten Untersuchungen wird Sardisch noch von rund 80 % der Bevölkerung gesprochen, die Sprache ist also nicht "tot".

Günther
 

bonzinib60

Sehr aktives Mitglied
ist nicht meine Privatmeinung, die UNESCO sieht das offenbar auch so:

http://www.unesco.org/languages-atlas/index.php

die verschiedenen -wie von Su Corvu richtig präzisiert- Sprachen haben alle den Status "definitely endangered".

Heisst: "children no longer learn the language as mother tongue in the home"

Das heisst, sie sind noch nicht tot, aber sie sterben ziemlich sicher aus.
Franz
 

Yoshiham

Sehr aktives Mitglied
Das kann ich von Alghero nicht bestätigen. Zum Einen gibt es katalanischen Unterricht, zum anderen ist man zweisprachig auf den Ämtern und die meisten Straßenschilder sind auf italienisch und katalanisch angebracht. Vereinzelt wird auch sardisch gesprochen, aber recht selten.

Wie Bea schon schrieb, verrichten die Kulturvereine gute Arbeit. So wird auch in anderen Gegenden die Sprache lebendig bleiben.

LG

Dieter
 

bo-ju

Sehr aktives Mitglied
Sicher, die Gefahr ist groß, dass die alten Dialekte immer weniger gebraucht werden und danach aussterben. Aber mir fiel in den letzten Jahren immer häufiger auf, dass grade die Jugend sich große Mühe gibt, Sprache und Bräuche aufrechtzuerhalten. Oder gar wieder hochzuholen. Auch wenn die Jugendlichen den ballo tundu auf der Piazza in Jeans tanzen, sie tanzen aber weiterhin mit großer Begeisterung und Können. Das steckt sogar im Fernsehen die Zuschauer (mich auch) an. Oder denkt an die Kinder, die das Launedda-Spielen mit Ernsthaftigkeit erlernen. Und was die Tabarkini angeht: in Calasetta kenne ich wenigstens ein Lokal, wo man ganz selbstverständlich COUSCOUS auf der Speisekarte findet.
 
So sehe ich das auch, es gibt auf Sardinien geradezu eine "Renaissance" der sardischen Sprache u. Kultur. Da habe ich keine Angst vorm "definitiv Gefährdeten". Außerdem rede ich nicht einem "Schutz" oder einer "Bewahrung" das Wort, das ist bloß Konservierung, sondern es geht um Förderung und produktive Weiterentwicklung von Sprache und Kultur.
Voher die UNESCO ihre Daten u. Einschätzungen hat, weiß ich nicht. Ist mir auch egal. Ich beziehe mich auf meine persönlichen Erfahrungen in meiner Umgebung. Und die sind konkret aussagekräftig.
 

Georgie

Sehr aktives Mitglied
Ich denke, dass man auch zwischen Stadt und Land bzgl. des Gebrauchs der sardischen Sprache unterscheiden kann. Der Gebrauch einer Minderheitssprache setzt Vertrautheit voraus, man kennt sich untereinander und spricht ganz natürlich die eigene Sprache in den Familien und in der Dorfgemeinschaft. Man kann die Vertrautheit spüren. Ein Zusammenhang mit der Schichtzugehörigkeit sehe ich nicht. Sobald jemand dabei ist, der nicht zur sardischen Gemeinschaft gehört und des Sardischen nicht mächtig ist, wird sofort auf italienisch gewechselt, sei es aus Höflichkeit, oder eben weil die Vertrautheit untereinander gestört ist - meine persönliche Erfahrung. Da Sardinien zum größten Teil aus kleinen Dörfern besteht, denke ich, wird die sardische Sprache lebendig bleiben, auch ohne staatliche Schutzmaßnahmen.
 
Anzeige

Themen mit ähnl. Begriffen

Top